03 - Schöne Aussichten

Es geht aufwärts, jedenfalls ein bisschen. Das hat die Landwirtschaftskammer NRW ausgerechnet, siehe Seite 30. Ein Grund zum Jubeln ist das nicht.

Tatsächlich deuten zur Halbzeit des Wirtschaftsjahres einige Daten darauf hin, dass die Talsohle, zumindest für einige Betriebszweige, durchschritten ist. Das wurde auch höchste Zeit, denn vielen Tierhaltern ist schon die Puste ausgegangen. 9,3 % weniger Milchviehhalter und 6,9 % weniger Sauenhalter in NRW innerhalb eines Jahres sind weit mehr als der übliche Strukturwandel. Eine vollständige Entlohnung von Arbeit, Boden und Kapital wird es auch im laufenden Wirtschaftsjahr nicht geben. Im Klartext heißt das: Viele Bauern arbeiten weiterhin für lau, sie werden nur langsamer ärmer als bisher. In vielen Betrieben reicht das Einkommen nach wie vor nicht einmal aus, um die Lebenshaltungskosten zu bestreiten.

Dass sich der Milchpreis erholt, ist erfreulich. Aber allein um die Schulden abzuzahlen, die die Betriebe in den vergangenen beiden Jahren machen mussten, um zu überleben, werden sie lange brauchen. Wesentliche Ursachen des Desasters, wie zum Beispiel das Russland-Embargo, wirken immer noch, ein Ende ist nicht in Sicht. Und sobald die Zinsen wieder anziehen, könnte es für viele Betriebe erst richtig eng werden.

Die meisten Probleme bleiben. Wachstum als klassische Reaktion auf unzureichende Rentabilität wird in allen Bereichen immer schwieriger. Hohe Pachtpreise, die diesmal auch in der Krise nicht wirklich nachgegeben haben, machen ein Wachstum in der Fläche schwierig. Der Neubau von Ställen für Schweine und Geflügel ist nahezu unmöglich, selbst der Gedanke an einen neuen Kuhstall ruft vielerorts die Bürger auf den Plan. Die neue Düngeverordnung wird die Tierproduktion teurer machen. Die Klage der EU gegen Deutschland wegen der Nichterfüllung europäischer Vorgaben beim Schutz des Grundwassers und der Nitratbericht der Bundesregierung sind Wasser auf die Mühlen derjenigen, die eine weitere Verschärfung der Vorschriften fordern.

Die Diskussion über das Tierwohl wird mit dem staatlichen Tierwohllabel, das Bundesminister Christian Schmidt nun auf der Grünen Woche endlich mal vorstellen will, neuen Schwung bekommen. Der Lebensmittelhandel wird – mit dem Staat im Rücken – sehr schnell nach Produkten verlangen, die den höheren Standards entsprechen. Ob es den Bauern gelingen wird, ihre berechtigte Forderung nach mehr Geld für mehr Aufwand durchzusetzen, bleibt abzuwarten.

An neuen Vorschlägen, wie man den Bauern das Leben schwer machen könnte, fehlt es nicht. Mit einer höheren Mehrwertsteuer auf Fleisch will das Umweltbundesamt das Klima retten – zum Glück umgehend abgelehnt. Ein Professor aus Göttingen fordert eine Spezialeinheit für unangekündigte Hofkontrollen in Sachen Tierhaltung, die, wie die Kriminalpolizei, verdeckt agiert. Super Idee. Die spannendsten Fälle gibt es dann alle vier Wochen sonntags um 20.15 Uhr in der Reihe „Tatort Bauernhof“.

Der Spiegel aus Hamburg, gerade 70, aber noch nicht weise, bezeichnet die heutige Landwirtschaft als „falsch, krank und hochgradig pervertiert“. Die Bauern fühlten sich, so der Spiegel, wie Herren über das Land. Stimmt, sind sie auch. Und die Aussage, dass viele Bauern kaum noch von ihrer Arbeit leben können, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Der Rest ist so absurd, dass sogar BDM und AbL dagegen sind.

Mehr Weitsicht bietet da schon das Kursbuch Agrarwende von Greenpeace. Auf diesem Kurs gibt es in Deutschland bis 2050 1 Mio. ha weniger Ackerland, exakt die Fläche, die zurzeit in NRW unterm Pflug ist. Auch im Stall wird gründlich ausgeräumt, 45 % der Milchkühe müssen raus, 65 % der Mastschweine und 53 % des Mastgeflügels. Immerhin könnte das ja mal zu akzeptablen Preisen führen. Aber nur, wenn Deutschland vorher aus der EU austritt, den Markt für Lebensmittel nach Schweizer Vorbild abschottet und das auch gnadenlos kontrolliert.

„Wir haben es satt“, heißt es mal wieder in Berlin, wenn selbsternannte Agrarexperten und auch mancher Politiker auf die Straße gehen, um eine Agrarwende zu fordern. Eine Agrarwende wünschen sich auch viele Bauern und ihre Familien. Eine Wende hin zu fairen Preisen, die es ermöglichen, bäuerliche Strukturen zu erhalten. Eine Wende hin zu einer Landwirtschaft, in der mehr Umweltschutz und mehr Tierwohl von denen mitbezahlt werden, die sie fordern. Und vor allem eine Wende hin zu einem sachlichen und fairen Umgang bei der Diskussion über die Landwirtschaft. Zu wünschen ist es ihnen.