05 - Rettet das Dorf!

Immer mehr Dörfer veröden, weil Geschäfte schließen, Sparkassenschalter reduziert und Kneipen nicht mehr weitergeführt werden. Dabei genügte oft ein wenig mehr Engagement Einzelner, um wieder gemeinschaftliches Leben ins Dorf zu bringen. Da sollte auch der landwirtschaftliche Berufsstand nicht außen vor bleiben.

Ein Lebensmittelladen im Dorf? Fehlanzeige. Eine Kneipe im Dorf? Ebenso wenig! Arzt, Friseur, Schreibwarengeschäft, Sparkassen und Banken haben sich aus der Fläche verabschiedet. Für viele Familien mit Kindern ist das Land als Lebens- und Wohnort daher keine Alternative mehr. Sie ziehen in die Städte, wo sie zwar auf engerem und teurerem Raum leben müssen, aber Kinderhorte und Schulen gut erreichbar sind und Geschäfte direkt vor der Tür liegen. In den Dörfern bleiben die älteren Menschen in Häusern zurück, die nicht mehr an ihre Wohnbedürfnisse angepasst sind. Unter Menschen und zum Einkaufen kommen sie nur, wenn die Verwandten oder nette Nachbarn sie unterstützen. Soll so die Zukunft unserer Dörfer aussehen? Sicher nicht! Doch was kann man gegen diese Entwicklung tun?

Hier sind viele Parteien in der Pflicht – allen voran die Kommunen. Sie haben die Aufgabe, ihre Stadtteile zukunftsfähig zu machen – auch und gerade die Dörfer. Durch vorausschauende Planung und Unterstützung von Ehrenamtlichen kann viel erreicht werden. Die Stadt Viersen geht mit gutem Beispiel voran. Sie versucht gezielt, Bürger für die Verbesserung der Rahmenbedingungen im Dorf zu interessieren und zum Engagement zu motivieren, und unterstützt einzelne Projekte sogar mit finanziellen Mitteln. Das 2000-Seelen-Dorf Boisheim hat davon profitiert. Mit viel ehrenamtlicher Arbeit wurde hier ein Dorfzentrum mit Lebensmittelladen und Café gebaut, wie man auf den Seiten 69 und 70 lesen kann.

Doch kommunales Engagement allein reicht nicht aus. Auch die Bürger müssen bereit sein, sich für ihren Wohnort einzusetzen. Sicher bedeutet das, Zeit und Energie zu investieren, und manchmal auch, sich finanziell zu beteiligen. Zu alledem sind viel zu wenige Mitmenschen bereit. Jammern und Klagen, wenn der letzte Lebensmittelladen im Dorf verschwunden ist, kann jeder. Aber mitmachen, wenn Bürgerversammlungen vorbereitet werden müssen, wie es in Boisheim der Fall war, ist den meisten zu anstrengend. Auch die Landwirtschaft übt sich allzu oft in vornehmer Zurückhaltung. Eine stärkere Beteiligung von Landwirten und Landfrauen in den Bürgerkomitees zur Entwicklung von Dörfern oder Dorfzentren wäre wünschenswert, findet aber leider viel zu wenig statt.

Sicher stehen vielerorts Landwirte und Landfrauen dem Aufbau von Dorfläden und Dorfzentren positiv gegenüber. Aber sich von Beginn an geschlossen als Verband in ein Dorfprojekt einzubringen, dazu hat sich bisher kein Ortsverein entschließen können. „Zu viel Arbeit!“ „Wir müssen ums Überleben kämpfen!“ „Wir haben andere Ziele!“ – das sind oft gehörte und schwer zu widerlegende Argumente. Aber sie sind zu kurz gedacht. Was nützen der wirtschaftlichste Bauernhof und genügend Geld auf dem Konto oder der bestaufgestellte Landfrauenverband, wenn das Dorf ohne Leben ist? Gerade in Zeiten von Onlinebanking und Internetshopping können doch funktionierende Sozialstrukturen in überschaubaren Dorfgemeinschaften mehr Lebensqualität bieten, als die so oft anonymen Stadtquartiere.

Aus der Tradition und dem Selbstverständnis landwirtschaftlichen Unternehmertums heraus engagiert sich so mancher Landwirt heute lieber für seine eigenen Ziele. Auch vielen Landfrauen ist es zu verpflichtend, sich kommunalpolitisch für die Dorfentwicklung starkzumachen. Sie organisieren lieber Exkursionen, Landfrauentage und Spendenaktionen. Dabei könnte doch auch der gesamte Ortsverband im Team aktiv werden. Und warum nicht Synergieeffekte nutzen, indem man mit anderen Organisationen und Vereinen im Dorf kooperiert? Gemeinsam gelingen doch meist die besten Lösungen. Hier ist ein neues Denken bei Frauen und Männern aus der Landwirtschaft gefragt.

Zeitmangel zählt zumindest bei den Landwirtsfamilien nicht als Gegenargument, die ihren Betrieb bereits an die Nachfolgegeneration übergeben haben. Sie hätten Zeit, sich für ihr Dorf einzusetzen, tun es aber oft nicht. Ohne Frage, viele Landwirte und noch mehr Landfrauen üben bereits Ehrenämter aus und unterstützen soziale Projekte. Aber der Berufsstand ist sich viel zu oft selbst genug. Man bleibt lieber unter sich, geht zu Stammtischen, Versammlungen oder zur Jagd, anstatt sich aktiv in die Kommunal- und Dorfpolitik einzumischen. Das könnte ja Ärger verursachen, den man nicht will. Man ist versucht, den vielen engagierten Frauen und Männern aus der Landwirtschaft, die es ja durchaus gibt, zuzurufen: „Seid doch endlich mutig und übernehmt Verantwortung für das Gemeinwohl im Dorf!“ Dann werden unsere Dörfer auch lebenswert bleiben.