Das ist ein Drahtseilakt. Soll man gegen Schlechtes vorgehen und ihm damit Aufmerksamkeit verschaffen oder soll man es im Treibsand der Nichtigkeiten zerlaufen lassen? Fest steht jedenfalls, dass die Kampagne „Bauernregeln“ von Bundesumweltministerin Hendricks nach den Bauernprotesten der vergangenen Woche deutschlandweit bekannt ist. „Ist der Bauer etwas schlauer, reagiert er nicht so sauer“, kommentierte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ etwas zynisch. „Ja, aber!“, werden viele Landwirte sofort rufen. „So etwas kann man sich doch nicht gefallen lassen!“. Ja, da haben sie recht!
Ja! So etwas sollte man sich wirklich nicht bieten lassen! Denn in einem Sektor, in dem hochtechnologisch gearbeitet wird, mit Präzisionstechnik, automatischer Melk- oder Fütterungstechnik, inklusive Wetter-App, sollte man sich nicht mit altmodischen, unsachlichen und pauschalen Bauernregeln aufs Korn nehmen lassen.
Ja! So etwas sollte man sich wirklich nicht bieten lassen! Denn Landwirte sollten sich nicht mit platter Polemik kritisieren lassen, obwohl der Berufsstand seit Jahrzehnten daran arbeitet, besser zu werden und sich weiterzuentwickeln – immer weniger Pflanzenschutz- und Düngemittel einsetzt, sich immer mehr für den Umweltschutz engagiert, immer mehr Tierwohl bietet und vieles mehr.
Ja! So etwas sollte man sich wirklich nicht bieten lassen! Und besonders positiv an den Aktionen in Kleve und Kerpen (siehe auch S. 10–13) war, dass wieder einmal alle Landwirte – egal ob Schweine-, Geflügel- oder Milchviehhalter, egal ob Gemüse-, Obst- oder Ackerbauern, zusammenstanden. Innerhalb weniger Tage hatten die Landwirte Plakate gebastelt und sind mit 100 Treckern nach Kleve gefahren! Wow! Hut ab! Das gab es schon Jahre nicht mehr! Dass sich schließlich 500 Landwirte in Kleve vor dem SPD-Wahlkreisbüro der Abgeordneten und Bundesumweltministerin Hendricks versammelten, hatte wohl keiner erwartet. Und dann ein deftiges Pfeifkonzert! Beeindruckend!
Ja! So etwas sollte man sich wirklich nicht bieten lassen! Und die Landwirte können stolz sein, dass sie mit ihren Protestaktionen in Kleve und Kerpen sehr viel bewirkt haben. Sie haben erreicht, dass die „neuen Bauernregeln“ nicht plakatiert werden. Eine Kampagne für 1,2 Mio. € wird abgesagt! Das ist ein Wort! Natürlich wird damit die ganze Planlosigkeit des Bundesumweltministeriums offenbar. Der Steuerzahler dürfte sich nun richtig veräppelt fühlen, dass so viel Geld für nichts und wieder nichts verschwendet wurde. „Umweltpolitik“ kann man dieses Vorgehen wirklich nicht nennen! Eher Dilettantismus!
Jetzt folgen weitere Gespräche auf Fachebene, zu denen die Ministerin den RLV eingeladen hat. Nach so viel öffentlichem Disput beginnt der echte Dialog. Der wird anstrengend werden – schließlich kommen zwei scheinbar konträre Ansichten zusammen. Im Rheinland ist man da längst weiter. Hier sind Landwirtschaft und Naturschutz bereits seit über zehn Jahren miteinander „versöhnt“ und arbeiten in vielen Projekten der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft, bei Agrarumweltmaßnahmen, bei Wasserschutzkooperationen und vielem mehr, zusammen.
Bei der anstehenden Diskussion sollte das Umweltministerium ehrlich sein und nicht weiter auf Basis gefärbter Fakten arbeiten! Viele Landwirte ärgern sich über die Nitrat-Diskussion. Auch haben sich viele Landwirte über die Videoansprache von Hendricks auf der Internetseite des Ministeriums geärgert, in dem sie sich einerseits entschuldigt hat und andererseits Missstände in der Landwirtschaft anprangert.
Das Umweltministerium hat angekündigt, die Diskussion auf ihrer Webseite, in den sozialen Medien sowie auf Veranstaltungen weiterzuführen. Nun ist es wichtig, dass die Landwirte sich auch bei dem folgenden Dialog einbringen und ihre Meinung kundtun. „Jetzt nicht nachlassen!“, lautet die Devise.