Ein Jahr liegt er jetzt zurück: Der 31. März 2015. Es war ein historisches Datum. Nach 31 Jahren endete die EU-Milchquotenregelung und es war der Beginn des liberalisierten Milchmarktes. Seither darf jeder Milcherzeuger melken, so viel er will. Mit einem explodierenden Milchaufkommen wurde damals nicht gerechnet. Aber es kam bekanntlich anders.
Viel stärker als erwartet ist das Milchaufkommen seit April vergangenen Jahres gewachsen, insbesondere in der EU. Die Verarbeitungskapazitäten der Molkereien bewegen sind teilweise am Limit. Wir haben derzeit viel zu viel Milch. Das ist Fakt. Und Fakt ist auch, dass es keine Märkte für diese große Milchmenge gibt. Die Nachfrage, insbesondere der wichtigen Importländer China und Russland, ist eingebrochen. Und damit nicht genug. Hinzu kommt noch die gedämpfte Kaufkraft der Drittländer aufgrund der niedrigen Ölpreise. Die Nachfrage hinkt dem Angebot deutlich hinterher. Die Milcherzeuger bekommen dies heftig zu spüren. Seit Monaten sind sie mit niedrigen Milchpreisen konfrontiert.
Und ein Ende der Preismisere ist nicht absehbar. Im Gegenteil: In Europa stehen die Monate mit der sogenannten Milchspitze erst noch bevor. Dann dürften die Preise noch weiter nach unten gehen, jedenfalls ist das nicht auszuschließen. Für die Milcherzeuger ist dies hart. Viele Betriebe stehen möglicherweise vor dem Aus.
Die Lage ist ernst und es muss sich jetzt etwas tun. Es ist höchste Zeit. Dabei sind alle Marktbeteiligten gefordert:
▶▶ Die Molkereien: In erster Linie sind die Molkereien gefragt. Sie sollten bei den anstehenden Preisverhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel (LEH) vor allen Dingen die Interessen der Milchbauern im Blick behalten. Die Zeiten, in denen sich die Molkereien bei austauschbaren Produkten gegenseitig preislich unterbieten, müssen vorbei sein.
Und vielleicht müssen die Molkereien zusammen mit ihren Mitgliedern auch neue Wege gehen. Warum nicht einmal über Warenterminbörsen auch im Milchbereich nachdenken? Warum hierbei nicht vom Getreidehandel lernen? Vor gut zehn Jahren ist jedenfalls die Getreidebranche ins Börsengeschäft eingestiegen und damit bislang gut gefahren. Das könnte auch im Milchbereich so sein. Zugegeben: Warenterminkontrakte können die derzeitige Situation nicht verbessern, aber sie können möglicherweise dazu beitragen, zukünftige Preisschwankungen besser abzufedern. Aber hier sind auch die Milcherzeuger gefordert. Wenn sie Warenterminbörsen im Milchbereich wollen, dann müssen sie dies auch bei ihren Molkereien einfordern. Die Diskussion über die zukünftige Gestaltung der Lieferbeziehungen zwischen Molkereien und ihren Lieferanten jedenfalls hat begonnen und sie sollte unbedingt fortgesetzt werden.
▶▶ Der LEH: Auch der LEH ist weiter gefordert. Nach wie vor werden Lebensmittel viel zu billig angeboten. Außerdem überschlägt sich der Handel mit Forderungen nach höheren Tierschutz- und Nachhaltigkeitsstandards. Aber diese Standards gibt’s nicht zum Nulltarif. Wenn der Handel mehr Nachhaltigkeit will, muss er auch sicherstellen, dass die Milchbauern für ihr Produkt einen Preis erhalten, mit dem sie nachhaltig leben können.
▶▶ Die Milcherzeuger: Je tiefer der Preis, desto mehr produzieren die Milcherzeuger. Das ist derzeit der Fall. Ist ein solches Verhalten sinnvoll? Dies müssen sich die europäischen – und dazu gehören auch die deutschen – Milcherzeuger im Moment fragen lassen. Klar ist es möglicherweise wirtschaftlich sinnvoll, die Fixkosten der Milchproduktion auf eine größere Menge zu verteilen. Aber wenn keine Verwertung für die zusätzliche Milch da ist, dann gehen die Preise nur noch weiter nach unten. Die Milcherzeuger in den USA, Australien und Neuseeland reagieren bereits auf das große Milchaufkommen am Weltmarkt und halten ihre Produktion stabil oder schränken sie sogar ein. Warum es ihnen nicht nachmachen?
Die wirtschaftliche Situation in den Milchviehbetrieben wird immer schwieriger. Dies ist unbestritten. Aber in einer Krise liegt auch immer eine Chance, möglicherweise neue Wege zu gehen. Darüber sollte man nachdenken.