14/2016 - Mit weniger geht's auch

Deutschlands Landwirte geben ihren Tieren weniger Antibiotika als noch vor wenigen Jahren. Das ist ein Ergebnis des Meldesystems, das die Bundesregierung 2014 eingeführt hat.

Die angelegten und weiter zu vervollständigenden Datenbanken schaffen Transparenz und zeigen, dass der Antibiotikaeinsatz weiter reduziert wird. Stefan Sallen

Über den Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung ist in den vergangenen Jahren viel „dummes Zeug“ geschrieben und gesendet worden. Ob Zeit, Spiegel oder Süddeutsche Zeitung, ob öffentlich-rechtlicher oder privater Rundfunk – fast alle Medien berichteten über dieses Thema und das immer mit dem anklagenden Tenor: Landwirte geben ihren Tieren massenhaft Antibiotika, was zu Resistenzen bei Menschen führt. Schuld sei die industriell betriebene „Massentierhaltung“. Die Haltung von Tieren auf engstem Raum mit großen Besatzdichten sei ohne hohen Medikamenteneinsatz meist nicht möglich.

Dabei wurde wohl bewusst unterschlagen, dass Antibiotika in der Nutztierhaltung nicht prophylaktisch eingesetzt werden, sondern nur, wenn der Tierarzt sie aufgrund einer Diagnose verordnet. Auch die Tatsache, dass kranke Tiere mit Blick auf den Tierschutz medizinisch behandelt werden müssen und somit ein vollständiger Verzicht auf Antibiotika in der Nutztierhaltung nicht möglich ist, war den enthüllenden Journalisten kaum eine Zeile wert.

Auch mit Blick auf mögliche Resistenzbildungen, die von den Medien ursächlich der Nutztierhaltung zugeordnet werden, sprechen die Fakten eine andere Sprache. So waren laut Robert Koch-Institut im Jahr 2012 rund 5 % der in Krankenhäusern nachgewiesenen multiresistenten Bakterien der Nutztierhaltung zuzuordnen. Damit stammen 95 % aus anderen Quellen. Auch die besonders wertvollen Reserveantibiotika schlagen nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) lediglich mit 1 % der Anwendungen in der Nutztierhaltung zu Buche. Deren Einsatz ist damit die absolute Ausnahme. Bedauerlicherweise war und ist über diese und zahlreiche weitere Fakten wenig zu hören oder zu lesen.

Die Landwirtschaft hat die Problematik resistenter Keime, die es gleichermaßen in der Nutztierhaltung wie in der Humanmedizin gibt, seit längerer Zeit sehr ernst genommen und seit mehr als vier Jahren das Antibiotika-Monitoring im Rahmen des QS-Systems für die Nutztierhaltung installiert. Dass man damit auf dem richtigen Weg ist, bestätigen jetzt auch wieder die Zahlen des BVL, die eine sinkende Gesamteinsatzmenge von Antibiotika für die Nutztierhaltung dokumentieren (siehe Bericht S. 10). Kurz gesagt: Es geht doch!

Mittlerweile ist man sich im landwirtschaftlichen Berufsstand darüber einig, dass die Antibiotikamengen noch weiter herunter müssen. Und wo es Missstände gibt, sollten diese so schnell wie möglich abgestellt werden. Der Einsatz dieser wichtigen Arzneimittel als Mastbeschleuniger ist genauso zu verurteilen wie der Einsatz von Antibiotika zum Kaschieren von Haltungs- und Managementfehlern. Denn so ehrlich sollten auch unsere Tierhalter sein: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen hohem Antibiotikaverbrauch und Problemen in den Betrieben.

Umso wichtiger ist es, praxisorientierte Instrumente zur flächendeckenden Erfassung der Antibiotikaverschreibungen in der Nutztierhaltung zu haben. Die angelegten und weiter zu vervollständigenden Datenbanken schaffen Transparenz und zeigen, dass der Antibiotikaeinsatz weiter reduziert wird. Die gesammelten und ausgewerteten Daten müssen weiter sinnvoll genutzt werden. So können noch vorhandene Schwachstellen ausfindig gemacht und die „Vielverbraucher“ unter den Tierhaltern und Tierärzten identifiziert werden – nicht um sie zu brandmarken, sondern um sie zu beraten, wie sie ihren Antibiotikaeinsatz verringern können. Die „Musterbetriebe“, die heute schon keine oder nur wenig Antibiotika einsetzen, können dabei Vorbilder für die Berufskollegen sein und Tierärzte können durch Vergleiche zwischen Betrieben, Regionen und Haltungsverfahren wichtige Erkenntnisse für die Beratung gewinnen. Darin liegt auch eine Chance für betroffene Betriebe. Denn eine gezielte Überprüfung und Beratung kann ja durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass der Einsatz von Antibiotika völlig korrekt und fachlich sinnvoll zum Wohl kranker Tiere verordnet wurde.