Ein Basispreis für die Milch um 20 Cent bringt auch finanziell starke Betriebe mit guten Leistungen in Bedrängnis. Bei Schweinepreisen unter 1,30 € können sich Ferkelerzeuger und Mäster die Verluste auch nur teilen. Die Rindfleischpreise sind aktuell ebenfalls unbefriedigend. Und jetzt auch noch das Getreide. Die neue Ernte kommt erst noch, aber bei dem jetzigen Preisniveau für die Ware aus alter Ernte bietet die aufnehmende Hand keinerlei kostendeckende Vorkontrakte. Die Veredlung wird sich aufgrund fallender Futterkosten ab Sommer wieder besser rechnen. Aber für die landwirtschaftlichen Veredlungsproduzenten mit eigenem Ackerbau ist das „linke Tasche, rechte Tasche“ – am betrüblichen Kontostand ändert das nichts!
Phasen schlechter Preise kennen unsere Landwirte, aber anders als früher liegen die betrieblichen Festkosten spürbar höher. Die Folge: Landwirtschaftliche Einkommen auf Hartz-IV-Niveau? Die Kreisstellen der Landwirtschaftskammer unterstützen zunehmend unsere Landwirte bei den Anträgen auf Wohngeld, Beitragsreduzierungen zur Alterskasse und Hartz IV. Da sollte sich niemand scheuen! Aber unternehmerische Perspektiven sehen anders aus!
Und das Dilemma ist kaum lösbar. Der deutsche, letztlich auch der europäische Markt ist quer durch alle Produktgruppen mit stagnierendem oder weitgehend rückläufigem Konsum konfrontiert. Und das bei technischen Entwicklungen vom Melkroboter bis zur EDV-gesteuerten Fütterung, die je Arbeitskraft eine stark steigende Erzeugung ermöglichen. Auf faire Preise beim LEH zu hoffen, ist ähnlich realistisch wie der viel zitierte „Sechser im Lotto“.
Und der Konsument im Fernen Osten? Der hat noch Hunger und will auch kaufen – aber kommen aus China letztlich kostendeckende Erlöse auf das Konto des deutschen Landwirts? Skepsis ist angesagt. Öl ist billig; die Bioalkohol- und Ethanolproduktion ist nicht mehr wirtschaftlich und so entstehen weltweit neue Ställe. Also mit den starken Schwankungen des Weltmarktes leben?
Bei guten Milchpreisen mit Neubauplanungen zum Bauamt; bei schlechten auf der BDM-Veranstaltung über Mengenbegrenzungen diskutieren? Milchviehhalter wissen wie die Fleischproduzenten um das Dilemma einer zu hohen Produktion. Aber die eigene Produktion stets an die Anforderungen beziehungsweise Preise des Weltmarktes anpassen? Realistisch kaum möglich – ob Pflanzenbau, Rind oder Schwein (nur beim Geflügel geht es schneller!). Selbst wenn der politische Wille in der EU zur Mengensteuerung (wieder) da wäre – die Meinung der Landwirte ist hierzu extrem unterschiedlich, auch weil administrative Maßnahmen der EU-Kommission zu Quoten, Intervention und privater Lagerhaltung in den vergangenen Jahrzehnten mehr Anlass zur Diskussion als zur Begeisterung gaben.
Also erneut zur Bank, um die nächste EU-gesponserte „Liquiditätshilfe“ zu beantragen? Den Betrieb verschulden, damit Aldi, Lidl und Edeka weiter billig einkaufen? Und gleichzeitig als Tierhalter von den Medien verteufelt, vom Verbraucher kritisch beäugt, von der Politik mit ständig neuen Gesetzen und Auflagen konfrontiert! Das Bild vom „schönsten Beruf der Welt“ hat man sich anders vorgestellt. Die allgemeine Ratlosigkeit ist groß. Mehr als früher gilt das auch für die Beratung: Über Jahrzehnte war durch betriebliches Wachstum und Spezialisierung eine Senkung der Produktionskosten erreichbar. Damit ist aber Schluss, wenn für jede zusätzliche Kuh oder jedes Schwein Gülleentsorgungskosten oder zu hohe zusätzliche Pachten finanziert werden müssen. Und anders als früher geben heute die Chefs von Molkereien und Schlachtunternehmen zu, dass sie die hohen Erzeugermengen im In- und Ausland nicht kostendeckend vermarkten können – jedenfalls nicht für die Erzeuger. Es hilft zwar nicht, mag aber ein wenig Trost spenden, dass andere im Angesicht der Krise ebenfalls nicht weiterwissen.
Was tun? Die eigenen Zahlen kritisch prüfen, an Kosten und biologischen Leistungen weiter feilen. Das wird so bleiben. Einzelne Betriebszweige gehören auf den Prüfstand, wenn es in anderen besser läuft. Aber auch in der Familie die Grundsatzfragen offen aussprechen, wenn man nicht mehr kann (oder auch nicht mehr will!). Vielleicht Alternativen prüfen, über die man bislang nicht nachdenken wollte. Ob weitermachen oder aussteigen – es stehen Entscheidungen an, die Mut und Kraft erfordern. Beides ist mit rotem Kontostand nicht selten abhandengekommen.