18/2016 - Wer zahlt den wahren Preis?

Die neue Naturbewusstseinsstudie der Bundesumweltministerin liegt vor. Einige leiten daraus ein „Go“ für die Agrarwende ab, andere bemerken, wie naturfern unsere Wohlstandsbevölkerung geworden ist. Die Bauern müssen sich auf jeden Fall mit den Ergebnissen auseinandersetzen.

Immer höhere Tierhaltungs- und Umweltschutzstandards haben ihren Preis! Und den wahren Preis zahlt ­zurzeit der Bauer, der am ­Ende der Kette steht. Andrea Bahrenberg

Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich strengere Regeln und Gesetze für die Landwirtschaft, mehr Naturschutz und mehr Tierwohl. Das hat die neue Naturbewusstseinsstudie ergeben (siehe S. 9). Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sieht darin eine gesellschaftliche Mehrheit für eine Agrarwende. Zahlungen an Landwirte soll es künftig nur bei einem gesellschaftlichen Mehrwert geben und nur bei konkreten Leistungen für die Natur. Keine Rede davon, dass das heute schon längst der Fall ist. Weiß der Bürger überhaupt, dass schon heute Direktzahlungen für Greening-Maßnahmen und als Ausgleich für Agrarumweltmaßnahmen eingesetzt werden, die die Landwirte auf jedem dritten Hektar durchführen? Fehlt es nicht an gesundem Menschenverstand, wenn man meint, seine Umwelt- und Landwirtschaftspolitik nach einer Umfrage von freiwilligen Bekenntnissen und Absichtserklärungen, die ohne Konsequenzen bleiben, auszurichten?

Spiegelt die Studie nicht viel mehr die Ansichten von Großstadtmenschen wider, „die in klimatisierten Geländewagen zum Biomarkt oder in den Nationalpark fahren? Die eigentlich naturferne Wohlstandsbevölkerung sieht die Natur als possierlichen Erholungsraum, der umfassend kontrolliert und abseits der Wohnorte saubere Energie und Nahrung liefern kann“, kommentierte „Spiegel Online“ dazu. Es scheint, als könnte man nur in einer Wohlstandsgesellschaft auf die Idee kommen, die Standards in der Landwirtschaft unendlich zu steigern. Solange der Kühlschrank voll ist, kann man zu einer solchen Meinung kommen.

Die Ergebnisse der Studie passen nicht zum Verhalten im Supermarkt. Wenn es darum geht, noch höhere Umwelt- und Tierschutzstandards einzufordern, sind die Leute schnell dabei. Wenn es darum geht, dafür zu bezahlen, sind fast alle weg – wie schon oft in diversen Studien bestätigt. In der Studie fordern die Befragten zum Beispiel auch, die Bio-Produktion zu fördern. Tatsächlich machten Bio-Produkte nach Angaben des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft im Jahr 2014 nur 4,4 % des Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus. Wenn das Geld für Urlaub, Auto und Smartphone reichen muss, spart der deutsche Bürger offenbar gerne an den eh schon günstigen Lebensmitteln. Dieses schizophrene Verhalten haben auch zahlreiche Medien in der vergangenen Woche aufs Korn genommen. Daraufhin räumte Umweltministerin Hendricks ein, dass dieser Widerspruch nicht von der Hand zu weisen sei. Wie sie trotzdem aus der Studie die Absolution für eine Agrarwende ableitet, bleibt schleierhaft!

Natürlich darf man die Vorstellungen der Bürger nicht einfach abtun, frei nach dem Motto, die Landwirtschaft in Deutschland ist schon perfekt und wir ändern nichts. Denn auch wenn die Ansichten bezüglich ihres Realitätsbezuges und ihrer Konsequenz anzuzweifeln sind, so bestimmen sie doch die Politik. Der Berufsstand muss sich damit auseinandersetzen und eigene Konzepte vorlegen. Landwirte und Verbände sollten mit den Leuten sprechen, anstatt immer nur zu blocken und zu sagen, die anderen sind unwissend und entfremdet. Man muss sich schon die Mühe machen, das Gespräch zu suchen! In der Branche heißt es oft nur „weiter wie bisher“. Das geht aber nicht – auch wenn die Bauern die Tierhaltung bereits aufgrund von Forschungsergebnissen weiterentwickelt haben und die Haltungsbedingungen heute wesentlich besser sind als noch vor 30 Jahren. Die Verbände unterstützen Veränderungen in der Tierhaltung bereits mit zahlreichen Maßnahmen, wie die Hornloszucht bei Rindern, die Ini­tiative Tierwohl, den Ausstieg aus dem Schnabelkürzen bei Geflügel und dem Schwänzekupieren bei Ferkeln.

Das Problem ist: Derzeit ist es bei den extrem niedrigen Erlösen für die Landwirte unmöglich, tierische Produkte kostendeckend zu erzeugen. Trotzdem wurde die Tierhaltung unter erheblichen wirtschaftlichen Problemen zugunsten des Tierschutzes optimiert. Immer höhere Tierhaltungs- und Umweltschutzstandards haben ihren Preis! Und den wahren Preis zahlt zurzeit der Bauer, der am Ende der Kette steht.

Erstaunlich ist, dass einige Menschen die Tierhaltung in Deutschland komplett verneinen, sich keinerlei Gedanken über die Erzeugungsbedingungen der Alternativen machen. Ist es egal, unter welchen Standards der Sojadrink produziert wurde und dass er genau so viel Zucker enthält wie Cola? Vegan ist gesünder – auch wenn es noch so künstlich ist? Ganz nach dem Motto, wir kaufen Atomstrom aus dem Ausland, dann können wir doch auch Lebensmittel in anderen Ländern kaufen. Da hat man zwar keine Kontrolle über die Erzeugungsbedingungen, aber da hat man den Dreck nicht vor der eigenen Haustür, oder? In einer Wohlstandsgesellschaft meint man wohl, man könnte ewig alles kaufen.