Positive Nachrichten vom Milchmarkt sind rar: Das globale Wachstum in der Milchproduktion sei nicht mehr so stark wie bisher, heißt es beispielsweise in einer Pressemitteilung von Arla (siehe Seite 12). Trotzdem senkt das Unternehmen seinen Milchpreis weiter. Oder: Beim Deutschen Milchkontor (DMK) geht die Milchanlieferung zurück (siehe Seite 5). Die größte deutsche Molkerei zahlt aber weiterhin einen der niedrigsten Milchpreise in der Republik.
Nein, wirklich gute Nachrichten sind das nicht. Vielmehr hat man den Eindruck, dass die Krise auf dem Milchmarkt, die seit Monaten den Milcherzeugern das Leben mehr als schwer macht, sich weiter verschärft statt abmildert. Meldungen, dass in Norddeutschland mittlerweile Erzeugerpreise unter 20 Cent gezahlt werden, erschrecken nicht nur Bauern und ihre Familien. Vergangene Woche füllte die Milchkrise umfangreiche Sendeplätze in Fernsehen und Rundfunk und etliche Zeitungsspalten – wohlgemerkt mit sehr viel Verständnis für die Not der Milchbauern. Wenig tröstlich: Wohlmeinende Medienbeiträge machen leider keine guten Milchpreise.
Ein Ende der Preismisere ist nicht in Sicht. Noch immer drückt ein Überangebot an Milch die Preise in immer tiefere Regionen. Erst wenn Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, ist mit steigenden Preisen zu rechnen. Aber trotz der Tiefstpreise im Lebensmitteleinzelhandel wird am heimischen Markt kaum mehr konsumiert. Die internationale Nachfrage bleibt verhalten. Neben dem geringen Kaufinteresse aus China und dem russischen Importembargo wirkt sich auch die zunehmende Kaufkraftschwäche Erdöl exportierender Länder aus. So weit, so schlecht, so bekannt.
Die Existenz vieler Milcherzeuger ist gefährdet, zahlreiche haben schon das Handtuch geworfen. Rat- und Hilflosigkeit, wo man hinblickt – auch und gerade in der Politik. Liquiditätshilfen, Entlastung bei der Unfallversicherung sowie steuerliche Maßnahmen: Alles gut und schön, sie lösen aber nicht das grundsätzliche Problem. Doch seien wir nicht ungerecht. Solche Hilfen könnten zumindest existenziell gefährdete Betriebe unterstützen, die Niedrigpreisphase zu überbrücken.
Letztlich wird es aber darum gehen müssen, dass die Milchbranche das Problem „Überangebot trifft auf geringe Nachfrage“ selbst löst. Das ist auch notwendig, weil auch andere Bereiche der Landwirtschaft augenblicklich wahrlich nicht auf roten Rosen gebettet sind. Millionensummen in den Milchbereich zu pumpen, aber Schweinehalter beispielsweise links liegen zu lassen, geht schließlich auch nicht.
Bemerkenswert oder besser verwunderlich ist es schon, dass Forderungen an die Molkereien, sich freiwillig mit den Erzeugern auf Mengenbegrenzungen zu verständigen, bislang im Sand verlaufen sind. Die „angedrohten“ obligatorischen Maßnahmen zur Reduzierung der Milchflut, was einer Quotenregelung gleichkäme, würden eine lange Zeit brauchen, um zu funktionieren. Bis sie greifen, werden sich viele, viel zu viele Bauern aus der Milchproduktion verabschiedet haben. Und – vielleicht erklärt das ein wenig das mangelnde Interesse der Molkereien, einvernehmliche Mengenreduzierungsmaßnahmen mit den Erzeugern zu treffen – sind sowohl freiwillige als auch obligatorische Maßnahmen nur EU-weit sinnvoll. Doch hier zu einvernehmlichen Lösungen zu kommen, dürfte schwierig sein, kommt man doch selbst in Deutschland kaum auf einen Nenner. Insofern sollte man die Erwartungen an den Milchgipfel, zu dem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt am kommenden Montag in Berlin eingeladen hat, wahrlich nicht allzu hoch hängen. Mehr als das bisher Diskutierte und in Aussicht Gestellte dürfte dabei nicht herauskommen. Aber – wir lassen uns auch gerne eines Besseren belehren.
Ohne eine vernünftige Partnerschaft – auf Augenhöhe – zwischen Milcherzeugern und Molkereien, die auch dem Lebensmitteleinzelhandel auf Dauer die Stirn bieten könnte, werden die Probleme, die sich „schweinezyklusartig“ wiederholen dürften, nicht zu lösen sein. Kommt man nicht zu Potte, wird der Strukturwandel möglicherweise auch Betriebe erfassen, die man vor wenigen Jahren noch als sehr wettbewerbsfähig bezeichnet hat. Verharren die Preise im Keller, droht ein Höfesterben und eine Konzentration der Milchproduktion von historischer Dimension.