Wenn kirchliche Organisationen, wie „Brot für die Welt“ oder „Misereor“, Spenden für die Entwicklungshilfe sammeln, wettern sie oft gegen die moderne Landwirtschaft. Bei der Demo „Wir haben es satt“ in Berlin hielten diese Organisationen ihre Schilder gegen die konventionelle Landwirtschaft, die sie „Agrarfabriken“ nennen, hoch. Dagegen unternehmen die Kirchen nichts. Und auch sonst sind die Stimmen in vielen Kirchengemeinden eher gegen die Landwirtschaft gerichtet, wenn es darum geht, die „Schöpfung zu bewahren“ und eine massenhafte Tierhaltung vorzuwerfen. Erst im Januar schrieb der Deutsche Bauernverband einen offenen Brief an Erzbischof Dr. Heiner Koch aufgrund seines am 21. Januar vom rbb ausgestrahlten Radiowortes zur Tierhaltung. Die Bauern fühlten sich mit Pauschalvorwürfen verunglimpft. Der Kirchenvertreter entschuldigte sich postwendend. Oft ist den Kirchenvertretern die Wirkung solcher Pauschalurteile auf die Bauern gar nicht bewusst.
Hier wird deutlich, dass sich die Kirchen und die Bauern voneinander entfernt haben. Hier muss man im Dialog bleiben! Traditionell pflegt der Deutsche Bauernverband (DBV) den Kontakt zu den Kirchen in der sogenannten Viererbande: Im „Arbeitskreis Kirchen“ – mit den beiden großen Kirchen, dem Deutschen LandFrauenverband und dem DBV. Auch auf den Kirchentagen ist der DBV oder der entsprechende Landesbauernverband vertreten. In diesem Jahr wurde der DBV sogar dazu eingeladen, in der Ausstellungshalle „Markt der Möglichkeiten“ einen Stand zu organisieren. Unter dem Motto „Zu Tisch, bitte! Miteinander wachsen – Miteinander ernten – Miteinander leben“ bieten die Bauern den Dialog an – umgeben von Ständen der kirchlichen Hilfsorganisationen (siehe S. 17). Hier wird es viel Diskussionsstoff zu den Themen rund um den ländlichen Raum, die Entwicklungshilfe und landwirtschaftliche Strukturen geben. Der größte Streitpunkt ist die tatsächliche Bedeutung von Agrarexporten, die – so die Vorwürfe – den Milch- und Geflügelmarkt in den Entwicklungsländern zerstöre. Dem will man offen begegnen.
Das ist auch gut so! Denn seien wir ehrlich: Ziel muss es sein, sich gegenseitig anzuerkennen und zusammen etwas für die Christenheit zu erreichen. Das gegenseitige Beschuldigen und Vorwerfen führt nur zur weiteren Verhärtung und hilft den Menschen nicht, die tatsächlich Hunger leiden, keine Eigentumsrechte am Land haben und mit korrupten Regierungen kämpfen. Gemeinsam sollte man überlegen, wie man die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern stärken kann.
500 Jahre Reformation feiern wir in diesem Jahr. Was hat Luther bewirkt? Er hat die Glaubensfrage von allem Menschengemachten befreit, wie zwanghafte Frömmigkeiten. Er hat es auf den Punkt gebracht, worum es beim Glauben eigentlich geht: um Gottes Gnade und dass jeder von Gott geliebt wird.
500 Jahre Reformation bedeuten auch 500 Jahre Spaltung von der reformierten und der katholischen Kirche. Aber anstatt sich darüber auseinanderzusetzen, ob man als evangelischer und katholischer Christ das Abendmahl zusammen feiern darf, sollte man sich fragen, ob das noch zeitgemäß ist, oder ob es nicht viel mehr um das Überleben des Christentums in seiner Gesamtheit geht. Wer bekennt sich heute noch zum Glauben? Wer glaubt an Gott? Anstatt sich unter den Christen gegenseitig zu bekriegen, sollte die Frage doch viel mehr lauten: Was ist unser Auftrag als Christen? Das wichtigste Gebot ist „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als Zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Der Nächste sind viele – das ist der nächste Evangele oder Katholik, die Menschen, die Hunger leiden und auch die kirchlichen Hilfsorganisationen, mit denen man weiter im Gespräch bleiben sollte.
Als Luther in Worms einzog und der Kaiser und die Kirche von ihm den Widerruf seiner Thesen erwarteten, soll er gesagt haben: „Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!“. Lassen Sie uns genauso überzeugend sein, nicht anders können, und innerchristliche Grenzen überwinden.