„Denen, die am lautesten schreien, wird wieder einmal mehr unter die Arme gegriffen.“ Solche Aussagen, die auch die LZ-Redaktion erreichen, häufen sich in diesen Tagen, in denen die Not der Milchbauern Sendeplätze und Zeitungsspalten füllt. Und diese Haltung kommt weiß Gott nicht von Verfechtern der reinen Marktwirtschaft oder kritischen Verbraucherverbänden. Sie kommt von landwirtschaftlichen Berufskollegen, die keine Kühe halten und die das „Gejammer“ der Milchbauern nicht mehr hören können (siehe dazu auch Leserbrief auf S. 17). Selbst die – zugegebenermaßen umfangreiche – Berichterstattung über die Milchkrise in der LZ geht diesen Landwirten „so langsam auf den Zeiger“.
Dabei gibt es kaum Grund, neidisch auf die melkenden Berufskollegen zu sein. Die Not auf den Höfen ist groß, das auf dem Milchgipfel Beschlossene ist angesichts der wirklichen Verluste nicht mehr als ein „Tropfen auf sehr heißen Steinen“ und die Entlastung bei den Beiträgen zur Berufsgenossenschaft kommt auch den anderen Bauernfamilien zugute. Insofern profitieren alle Landwirte vom „Geschrei“ der Milchkuhhalter, die seit jeher „etwas lauter“ waren, wenn es um ihre Interessen ging – und das nicht erst, seitdem es den Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) gibt.
Vielleicht liegt das daran, dass es beispielsweise gerade in den Mittelgebirgsregionen kaum Alternativen zur Milchviehhaltung gibt. Darüber hinaus waren Milchbauern, anders als ihre Schweine haltenden Kollegen, jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang durch Marktordnungen mehr oder weniger „geschützt“ oder – vielleicht besser – vom Staat gegängelt. Die anderen richteten ihre Produktion nach dem sprichwörtlichen „Schweinezyklus“ aus, wo nach einer Niedrigpreisphase auch wieder ein Hoch folgt. Dass die tiefen Täler zu einem nicht unerheblichen Strukturwandel in der Schweinebranche geführt haben, wurde zwar bedauert, aber durchaus akzeptiert. Wo die einen aufgaben, stockten andere ihre Bestände auf. Keine Frage: Mit der Liberalisierung der Märkte und der Spezialisierung der Betriebe ist der Umgangston innerhalb der Landwirtschaft rauer geworden. Tatsache auch: Kaum ein Milchviehhalter kennt heute noch die Sorgen seines Schweine haltenden Kollegen oder weiß, wo den Ackerbauern der Schuh drückt – und umgekehrt. Das gegenseitige Verständnis schwindet.
Selbst in einer so homogenen Gruppe wie die der Milcherzeuger gehen die Meinungen heftig auseinander. Obwohl viel Gemeinsames zu verteidigen oder hervorzuheben wäre, wird das Trennende betont. Der Bauernverband beispielsweise wird für das Höfesterben verantwortlich gemacht, wo doch offensichtlich die Entwicklungen auf den globalen Märkten das Problem sind. Und nicht wenige, die heute nach staatlich gelenkter Mengenreduzierung rufen, haben nach Quotenende – einzelbetrieblich vielleicht sogar die richtige Entscheidung – ihre Milchproduktion kräftig ausgedehnt. Kein Wunder also, wenn Appelle, das Mengenproblem freiwillig innerhalb der Branche zu lösen, bislang auf taube Ohren gestoßen sind. So aber kriegt man die Krise nicht in den Griff.
Eine weit verbreitete „Ellenbogenmentalität“ ist aber besonders am Pachtmarkt zu spüren. Dort werden mittlerweile Beträge bezahlt, die jenseits jeglicher betriebswirtschaftlicher Vernunft liegen. Wenn es ums Verpachten geht, bekommt häufig der den Zuschlag, der das meiste bietet. Der Nachbar, mit dem man vielleicht jahrelang vertrauensvoll zusammengearbeitet hat und der die Flächen auch gern genommen hätte, geht leer aus. Muss das sein? Gott sei Dank gibt es noch die Berufskollegen, die an ortsansässige Landwirte und Feldnachbarn zu vernünftigen Preisen verpachten, nicht nur um des lieben Friedens willen, sondern auch mit dem augenzwinkernden Hinweis, „deswegen kein Butterbrot weniger essen zu müssen“.
Dass Solidarität noch nicht überall ein Fremdwort ist, zeigen aber auch die jetzt im Rheinland angelaufenen Höfetouren. Hier haben sich häufig unter der Leitung der Kreisbauernschaft zahlreiche Betriebe unterschiedlichster Prägung zusammengefunden mit dem Ziel, der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung eindrucksvoll zu zeigen, wie Landwirtschaft heute funktioniert und wie die Situation auf den Höfen aussieht. Das ist auch gut so: Nur eine starke Gemeinschaft der Bauern, die nur noch knapp 2 % der deutschen Bevölkerung ausmachen, hat die Chance, von Gesellschaft und Politik gehört und ernst genommen zu werden.