23/2016 - Sind die Bauern schuld?

Überschwemmungen zerstörten punktuell ganze Ackerflächen im Rheinland in den Gebieten rund um Wesel, Mechernich und Wachtberg. Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks macht den verstärkten Maisanbau für die bundesweiten Überschwemmungen verantwortlich. Hat sie recht?

Und was ist mit den Ursachen, an denen die Politik etwas ändern könnte? Die packt keiner an! Beim Flächenverbrauch passiert seit Jahren nichts! Andrea Bahrenberg

Eingestürzte Brücken, Maisäcker, die aussehen wie Reisfelder, und weggeschwemmte Kartoffeldämme – die Wassermassen haben punktuell sehr stark zugeschlagen. Im Rheinland gab es im Raum rund um Wesel, Mechernich und Wachtberg katastrophale Überschwemmungen. Die Schäden sind immens.

Die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks macht die Landwirtschaft für die Wassermassen verantwortlich. „Wir müssen überlegen, ob man tatsächlich so viel Mais anbauen kann. Denn in den geraden Furchen der Maisfelder haben die Wassermengen praktisch gar kein Hindernis mehr“, sagte sie am Sonntag im ZDF heutejournal. Da bleibt den Bauern die Luft weg bei solchen Aussagen! Aus einer Notsituation, die die gesamte Gesellschaft durch den Klimawandel verursacht hat, jetzt politisch Kapital zu schlagen, um den eigenen politischen Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, ist ärgerlich für die Bauern! Werden politische Entscheidungen jetzt nur noch populistisch getroffen? Wo bleibt die faktenbasierte und auf wissenschaftlichen Erkenntnisse beruhende ehrliche Diskussion? Mit dem Klimawandel wird es wärmer und nasser. Denn durch die Wärme entsteht mehr Wasserdampf, der auf kühlere Luftschichten stößt, und es regnet – so erklären es zumindest die Hochwasser-Experten.

Was ist mit den Ursachen, an denen die Politik etwas ändern könnte? Die packt keiner an! Beim Flächenverbrauch passiert seit Jahren nichts! Jeden Tag dürfen allein in NRW 12 ha, bundesweit 73 ha, verbraucht, sprich versiegelt werden. Wo soll das Wasser hinfließen, wenn immer mehr Fläche zubetoniert wird? Auch Hendricks Vorwurf, „Wiesen umzubrechen und stattdessen Mais anzubauen“, ist nicht haltbar. In Überschwemmungsgebieten gilt ein absolutes Grünlandumbruchverbot. Seit Jahren gibt es ein Grünlandumwandlungsverbot. Nur in Ausnahmefällen und nur wenn Ersatzgrünland gestellt werden kann, darf Grünland umgebrochen werden.

Auch ein WDR-Bericht warf den Landwirten in Kall in der Eifel vor, zu viel Mais anzubauen. Erst durch den starken Maisanbau käme es zu den verheerenden Auswirkungen des Unwetters. Gerade im Kreis Euskirchen liegt der Maisanbau bei einem Anteil von knapp 7,3 % der Ackerfläche. Natürlich darf man auch beim Maisanbau die Regeln der guten fachlichen Praxis nicht vernachlässigen. Vielerorts bemühen sich die Landwirte beim Maisanbau bereits bodenschonend vorzugehen, mit Untersaaten und der pfluglosen Bodenbearbeitung.

Insgesamt konnten die Böden die starken Niederschläge, die bundesweit runtergekommen sind, gut aufnehmen. Das liegt daran, dass die Landwirte in den vergangen Jahren viel für den Erosionsschutz getan haben – zum Beispiel durch Verzicht auf den Pflug, Anbau von Zwischenfrüchten und vielem mehr, sodass die Böden den Regen dank guter Struktur gut kompensieren konnten.

In den vergangenen Jahren haben die Landwirte auch Hochwasserschutzmaßnahmen unterstützt, wie die Hochwasserpolder an Flüssen. Wenn einige Politiker jetzt fordern, bestimmte Auenkonzepte endlich umzusetzen, muss man ernsthaft im Gegenzug fragen: Wann hört die Zubetoniererei auf? Die Landwirtschaft ist Opfer und Problemlöser zugleich! Sie leidet am meisten unter dem Klimawandel, da sie draußen wirtschaftet, und kann auch einen Teil zur Lösung beitragen – mit Maßnahmen auf den landwirtschaftlichen Flächen.

Das Hochwasser trifft die Bauern in Zeiten absolut schlechter Preise, steigender Bürokratie und immer mehr Auflagen. Kein Wunder, dass die Nerven blank liegen. Zumal nur die Landwirte, die eine Mehrgefahrenversicherung abgeschlossen haben, den Schaden ersetzt bekommen. RLV-Präsident Bernhard Conzen hat bereits NRW-Landwirtschaftsminister Johannes Remmel um Unterstützung bei der Schadenregulierung gebeten (siehe S. 15). Ob man mit Entschädigungszahlungen rechnen kann, bleibt zu bezweifeln.