24/2016 - Strategie der Artenvielfalt

Im Naturschutz wird viel gemacht. Oft laufen die Maßnahmen aber unkoordiniert ab und die Pflege wird vernachlässigt. Hier ist eine Kooperation mit der Landwirtschaft dringend nötig.

Für das Ziel, den Stopp des Artenrückgangs, ist nach wie vor eine Kooperation mit der Landwirtschaft dringend nötig und auch möglich. Andrea Bahrenberg

Ein Landwirt ist stolz, wenn der Acker „sauber“ ist, kein Unkraut darin steht und er effektiv Lebensmittel erzeugen kann. Aber inzwischen sind in Deutschland 93 Ackerwildkräuter bedroht und stehen auf der Roten Liste. Während man es in den 50ern und 60ern nicht besser wusste und im Pflanzenschutz und Düngebereich oft nach dem Motto „viel hilft viel“ agierte, ist es in den vergangenen Jahren gelungen, die Pflanzenschutztechnik zu präzisieren und immer weniger Mittel einzusetzen. Echter Fortschritt zeigt sich heute auch bei Naturschutzmaßnahmen, die gemeinsam mit Landwirten auf landwirtschaftlichen Flächen umgesetzt werden: Was noch vor einigen Jahren vielerorts als unvereinbar galt, ist heute bereits ein bewährtes Konzept. „Produktionsintegriert“ lautet dabei das Zauberwort. Bekannte Beispiele hierfür sind Feldlerchenfenster oder Blühstreifen im und am Acker. Diese werden oft in Kooperation mit Landwirten, den Experten für die Bewirtschaftung, angelegt und gepflegt. So wird die Landwirtschaft als echter Partner des Naturschutzes immer besser.

Seit einigen Jahren ist die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft dabei, wieder Buntes in die Ackerlandschaft zu bringen. Eine echte Schatzkiste mit Ackerwildkräutern öffnete Friedhelm Decker, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft, bei der Tagung „Biodiversität in der Kulturlandschaft“ in Berlin für die Öffentlichkeit. Warum Ackerwildkräuter Schätze sind? Weil einige von ihnen ebenso rar sind und es viel Arbeit macht, die bedrohten Arten zu sammeln, zu vermehren und wiederanzusiedeln. Aber die Rheinländer haben dies bei zahlreichen empfindlichen Arten geschafft und können stolz sein, echte Vorreiter im Naturschutz zu sein. Bereits seit sechs Jahren arbeitet die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft für den Ackerwildkrautschutz. Das Projekt wurde zwei Mal von der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet und wird jetzt bundesweit umgesetzt. Hut ab vor der erfolgreichen Pionierarbeit!

Die jahrelange Arbeit zahlt sich jetzt aus und kommt in Zeiten, in denen die Landwirtschaft auf verlorenem Posten zu stehen scheint. In Zeiten, in denen die Gesellschaft viele Vorbehalte gegenüber der Landwirtschaft hat und das in jedem Punkt – ob Tierhaltung, Umweltschutz oder Ackerbau. Eine Zeit, in denen man den Landwirten nicht glaubt, dass sie gerne etwas für den Naturschutz tun. Daher ist es extrem wichtig, belastbare Daten für Naturschutz-Erfolge vorweisen zu können. Im Ackerwildkraut-Projekt der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft etwa gehören auch regelmäßige Kartierungen der „Schutzäcker“ zum Programm. Dies sind speziell für den Schutz von Ackerwildkräutern bewirtschaftete Äcker. Hier finden die bedrohten Arten eine Heimat, ihre Entwicklung wird beobachtet und dokumentiert. Diese Zählungen steigern die Glaubhaftigkeit der Maßnahmen, die mit Landwirten zusammen durchgeführt werden. An solchen Fakten kommt man nicht vorbei! Aber jede Kartierung kostet Geld, genau wie die vorherige Sammlung und Vermehrung der bedrohten Arten. Doch genau dieser hohe Einsatz ist notwendig, um die Akzeptanz in der Gesellschaft zu erreichen! Dann ist es gut, wenn man Unternehmen an seiner Seite hat, die dieses Engagement unterstützen.

Beim Natur- und Artenschutz müssen die Bauern auch weiterhin in Vorleistung gehen und einen langen Atem haben, bis sie weitere Erfolge nachweisen können. Auf der anderen Seite ist auch der Naturschutz gefordert, mit den Landbesitzern und -nutzern an einem Strang zu ziehen. Manche Initiativen wirken unkoordiniert und wie purer Aktionismus. Die Klischees von den Streuobstwiesen, die angelegt, aber nicht gepflegt werden, sind leider immer noch Realität. Vertreter des Naturschutzes haben bei der Tagung selbstkritisch eingeräumt, dass auch in den eigenen Reihen eine Gesamtstrategie mit einer Priorisierung für Naturschutzmaßnahmen fehlt (siehe S. 10).

Und noch ein Punkt: Immer mehr Akteure wollen die begrenzten Flächen nutzen. Wie kann man Naturschutz umsetzen und trotzdem die Flächen landwirtschaftlich nutzen? Das erwähnte „Zauberwort“ von der Integration von Naturschutzmaßnahmen in die landwirtschaftliche Produktion darf kein „Geheimwissen“ für kundige Schützer der Kulturlandschaften sein! Für das Ziel, den Stopp des Artenrückgangs, ist nach wie vor eine Kooperation mit der Landwirtschaft dringend nötig und auch möglich. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß. Nicht alle Landwirte stehen dem Arten- und Naturschutz ablehnend gegenüber und nicht jeder Naturschützer ist ideologisch verbohrt. Dr. Helmut Born brachte das Konzept „Schutz durch Nutzung“ bei der Tagung auf den Punkt: „Wenn man zeigt, dass man intensiv Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion nutzen kann und gleichzeitig etwas für die Artenvielfalt bewegen kann, ist für die Landwirtschaft viel erreicht!“