Wie es mit der Gemeinsamen Agrarpolitik weitergeht, war die beherrschende Frage auf dem Deutschen Bauerntag in Wiesbaden. Bei aller Diskussion über fachliche Details wie Kappung, Degression oder Konditionalität schwang die Sorge mit, dass Europa womöglich eine noch größere Herausforderung zu bewältigen hat.
Woran werden sich die über 600 Delegierten und Gäste des Deutschen Bauerntags in Wiesbaden einmal erinnern? Daran, dass die deutsche National-Elf von der Mannschaft Südkoreas zur gleichen Zeit aus der Fußball-Weltmeisterschaft gefegt wurde? Daran, dass parallel dazu in Brüssel, Berlin und anderen europäischen Hauptstädten heftigst um die Migrations-politik gerungen wurde? Vielleicht aber auch daran, dass Bauernpräsident Joachim Rukwied immer wieder die Wichtigkeit eines stabilen EU-Haushalts nach dem Ausscheiden der Briten betonte? Oder daran, dass der Ministerpräsident Hessens, Volker Bouffier, an den Start der Luftbrücke vor 70 Jahren erinnerte, als stündlich Dutzende Rosinenbomber von den Flughäfen Westdeutschlands abhoben, um das von den Russen blockierte West-Berlin zu versorgen? Die Sauenhalter werden sich erinnern, dass Julia Klöckner bei dem Thema Ferkelkastration und vierter Weg den Ball geschickt aus dem eigenen Strafraum, dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, putzte und den Bundesländern zuspielte.
Meine Erinnerung an den Wiesbadener Bauerntag prägen Worte, die Ministerin Klöckner benutzte, und der Geist, den neben Rukwied oder Bouffier auch andere beschworen haben: „Europa ist ein Friedensprojekt“, das den Mitteleuropäern Jahrzehnte friedlichen Miteinanders beschert hat; das aber auch den Bauern, bei allen Anstrengungen, welche ihnen die Gemeinsame Agrarpolitik im Laufe der Jahre abgetrotzt hat, zahlreiche Vorteile gebracht hat. Als Erstes fallen einem finanzielle Unterstützungen ein, die – je nach agrarpolitischer Ägide – direkt oder indirekt gewährt wurden. Gewichtiger für die deutsche Land- und Ernährungswirtschaft dürfte aber sein, dass mit jeder Grenze, die in Europa gefallen ist, der freie Warenverkehr profitiert hat; deren wichtigster Markt, nach dem heimischen, liegt mit über 80 % der Ausfuhren in der EU. Was offene Grenzen bedeuten, dürfte gerade auch die rheinische Landwirtschaft ermessen können, die seit jeher regen Handel mit den angrenzenden Benelux-Staaten pflegt.
Blicken wir kurz zurück, um den Wert Europas für die Zukunft einschätzen zu können. Mit den Römischen Verträgen legten 1957 sechs Gründungsmitglieder die Fundamente für die spätere EU. 1962 gaben diese Staaten, darunter Deutschland und Frankreich als treibende Kräfte, ihre nationale Eigenständigkeit in Sachen Agrarpolitik weitgehend auf. Mit ein Grund war, Voraussetzungen zu schaffen, dass eine leistungsfähige Landwirtschaft die industrielle Entwicklung flankiert und stützt, auch durch ausreichend günstige Lebensmittel. Das Bestreben war erfolgreich. Sieht man von den Zeiten globaler Rezession ab, hat die Gemeinschaft für stetigen Wohlstandszuwachs in den Mitgliedstaaten gesorgt. An dieser Entwicklung teilzuhaben und von der Solidarität der anderen zu profitieren, das machte die Anziehungskraft der EU aus. So wurden aus einstmals sechs heute 28 Mitgliedstaaten. Und immer noch stehen Beitritskandidaten vor der Tür.
Der Austritt Großbritanniens legt nahe, die Attraktivität der EU würde nachlassen. Auch der Nationalismus in einigen osteuropäischen und nationalistische Tendenzen in manchen mittel- und westeuropäischen Staaten könnten der Beleg sein, dass sich das Modell Europa überlebt hat. Schaut man genauer hin, erkennt man jedoch dort eine gehörige Portion Egoismus – Egoismus, der sich daraus speist, dass man genug Mittel abgesaugt hat, um jetzt auf eigene Faust zu politisieren, oder Egoismus, der sich aus der Angst ableitet, seine Identität zu verlieren. Diese Staaten werden am Ende beides verlieren. Wenn China, Russland und Amerika weltweit den Takt vorgeben wollen, wird kein europäischer Einzelstaat lachender Dritter sein, schon gar nicht seine Bauern. Nur Gemeinsamkeit hat die Staaten der heutigen EU nicht in die Bedeutungslosigkeit fallen lassen. Eingeübt haben sie ein wirkungsvolles Zusammenspiel vor allem in der Agrarpolitik, dem lange Zeit einzigen, gemeinsamen Politikfeld. In die Bedeutungslosigkeit zu driften, das droht aber nun mit jedem neuen Zoll, den Trump ankündigt, jedem Schweinehochhaus, das in China gebaut wird, und jedem Hackerangriff, der aus Putins Reich gestartet wird. Wenn der Deutsche Bauerntag die Bedeutung der EU für das Wohl aller Europäer und der heimischen Landwirtschaft in Erinnerung gebracht hat, dann war es ein guter Bauerntag.