28/2016 - Fläche schützen

Die Uhr tickt. Nicht einmal vier Jahre haben Bund und Land noch Zeit, ihr Versprechen aus der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie einzuhalten, den Flächenverbrauch zu senken. In NRW auf 5 ha pro Tag, in Deutschland auf 30 ha pro Tag. Ob das klappt?

Hoffen wir, dass Bundes- und Landesregierung ihr Versprechen einhalten und ihr Ziel, den Flächenverbrauch zu senken, nicht aus den Augen verlieren. Andrea Bahrenberg

Schaut man auf die Entwicklung der vergangenen Jahre, war die Reduzierung des Flächenverbrauchs nicht gerade eine

Erfolgsgeschichte. Ganz im Gegenteil: In Nordrhein-Westfalen werden immer noch jeden Tag 9,3 ha zubetoniert. Das sind mehr als zwölf Fußballfelder. Die Landwirtschaftsfläche verringerte sich in NRW von 2006 bis 2016 um 3,6 %, genau

608 km², wie das statistisches Landesamt IT.NRW in der vergangenen Woche bekannt gab (siehe S. 8). Das entspricht fast der Fläche des gesamten Kreises Heinsberg mit 627 km². Da muss ein Landwirt erst einmal schlucken. Denn, wenn man die durchschnittliche Betriebsgröße von 55 ha annimmt, wurden im Laufe von zehn Jahren über 1 000 Betrieben die Bewirtschaftungsflächen entzogen – und zwar unabhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen oder schlechten Preisen. Einfach zubetoniert.

Das NRW-Landwirtschaftsministerium unternimmt jetzt einiges, um ein Bewusstsein für das Problem des Flächenverbrauchs erneut zu schärfen. So hat es ein digitales Flächenportal unter www.flaechenportal.nrw.de geschaffen. Neben Daten und Fakten zum Flächenverbrauch erfährt man hier auch einiges über die Zusammenhänge von Flächenverbrauch und verschiedenen Themen wie Bodennutzung, Klimawandel, Biodiversität oder demographischer Wandel. Das ist gut! Offen und transparent werden die weitreichenden ökologischen Folgen des Flächenverbrauchs dargelegt.

Dabei ist auch klar, dass die Interessen und Ansprüche an die Flächen mit jedem Jahr steigen. Sei es für Wohnen und Gewerbe, Freizeit und Erholung, Wirtschaft, Energieerzeugung, Naturschutz und schließlich auch für die Land- und Forstwirtschaft. Der Druck auf die Fläche ist sehr hoch und sorgt für viele Konflikte. Die steigenden Pachtpreise sind sicher die dramatischste Folge für die Landwirte. Wenn fruchtbare Böden in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt werden, steht den Landwirten immer weniger Fläche zur Nahrungsmittelerzeugung zur Verfügung. Abgesehen davon, macht der Flächenverbrauch, neben der landwirtschaftlichen Intensivierung, auch den vielfältigen Arten zu schaffen, die immer weniger Platz bekommen. Die unbebaute, unzerschnittene und unversiegelte Fläche ist gerade im dicht besiedelten NRW zur Seltenheit geworden und gilt als besonders schützenswert.

Wie kann eine nachhaltige Flächenpolitik aussehen? Darum müsste sich die Politik zuallererst Gedanken machen! Denn vermeintliche Gewerbesteuereinnahmen oder Freizeit- und Tourismuseinrichtungen bleiben für die Städte und Kommunen vorausichtlich weiter wichtig. Was ist mit der Innenstadtplanung? Wirtschaftswachstum braucht nicht immer frisches Ackerland! Politik und Verwaltung sollten maßvoll und am besten frühzeitig gemeinsam mit der Landwirtschaft überlegen, wo und in welchem Ausmaß eine Bebauung vertretbar ist. Innenflächen müssen vor Außenflächen verplant und so der Flächenverbrauch reduziert werden. Baulücken, bebaubare Freiflächen und Siedlungs- sowie Gewerbebrachen im innerstädtischen Bereich müssen effizienter für die Innenentwicklung genutzt werden. Neubaugebiete „auf der grünen Wiese“ oder auf wertvollen Ackerflächen müssen vermieden werden!

Auch bei den Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen gehen der Landwirtschaft zusätzlich landwirtschaftliche Flächen im ursprünglichen Sinne verloren. Daher ist die beste Kompensation, eben gar keinen Eingriff zu gewähren! Aber wenn es dann doch passiert, müssen intelligente Kompensationsstrategien für Eingriffsfolgen als erste Lösung in Betracht gezogen werden. Ein Beispiel hierfür sind produktionsintegrierte Kompensationsmaßnahmen, bei denen eine landwirtschaftliche Nutzung der Flächen weiterhin gewährleistet ist. Wieso nutzt man diese Form des Ausgleichs nicht viel mehr? Die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft zum Beispiel bietet das und vieles mehr seit Jahren erfolgreich in Kooperation mit den rheinischen Landwirten an.

Die Flächeninanspruchnahme muss auf ein erträgliches Maß reduziert werden, sodass Landwirte, Wirtschaft und die Umwelt eine Zukunft haben. Bei der Senkung des Flächenverbrauchs sind die Landwirte einer Meinung mit dem NRW-Landwirtschaftsministerium. Hoffen wir, dass Bundes- und Landesregierung ihr Versprechen einhalten und ihr Ziel, den Flächenverbrauch zu senken, nicht aus den Augen verlieren. Bis zum Netto-Null-Verbrauch ist es aber noch ein weiter Weg.