Wir schreiben das Jahr 2016 nach Christus. Ganz Deutschland ist frei von BHV1. Ganz Deutschland? Nein! In dem von Rheinländern bevölkerten Landstrich gibt es einige Bauern, die nicht aufhören, dem Eindringling Bovines Herpes-Virus in ihren Ställen weiterhin Zuflucht zu bieten. Frei angelehnt an Asterix und die Gallier ließe sich die Geschichte um die jahrzehntelangen Anstrengungen zur Bekämpfung des Bovines Herpes-Virus – kurz BHV1 – so beschreiben. Dabei ist anzumerken, dass es im Norden der Republik mit Schleswig-Holstein eine weitere Region gibt, die auf der „Seuchen-Landkarte“ auch noch die rote Signalfarbe trägt.
Aber anders als die tapferen Bewohner des kleinen gallischen Dorfes zu Asterix Zeiten können die Rinderhalter, die sich der Sanierung ihrer Bestände bis heute verweigert haben, mitnichten mit Ruhm und Anerkennung rechnen. Denn die Folgen für die über 5 000 Rinderhalter, die in den Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln Milchvieh oder Fleischrinder halten, Kälber oder Bullen mästen, sind drastisch und ziehen erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen nach sich.
Zum Hintergrund: Das Thema BHV1 begleitet die Rinder haltenden Betriebe seit nunmehr gut 30 Jahren. Gemäß der Richtlinie 64/432/EWG ist Ziel der Sanierung, das Bovine Herpes-Virus 1, das bei Rindern Erkrankungen der Atemwege oder der Geschlechtsorgane verursacht und eine anzeigepflichtige Tierseuche ist, auszumerzen und damit den begehrten Status BHV1-freie Region zu erreichen. Das Virus aus ihren Beständen zu eliminieren, war und ist für die Rinderhalter mit erheblichem Aufwand und Kosten verbunden. In den Mutterkuh- und Mastbetrieben erfolgte ein Screening über einmal jährlich zu ziehende Blutproben, in den Milchbetrieben werden regelmäßig Tankmilchproben auf das Virus getestet.
Zwar übernahm – und übernimmt auch weiterhin – die Tierseuchenkasse des Landes NRW die Kosten der Laboruntersuchungen als freiwillige Leistung. Darüber hinaus gewährt die Tierseuchenkasse eine Beihilfe zur Merzung infizierter Tiere für die Betriebe, die nachweislich frei waren und unverschuldet eine Neuinfektion bekommen. Alles in allem wird damit mehr als deutlich: Das jahrzehntelange Sanierungsprocedere ist den Rinderhaltern schon teuer zu stehen gekommen, auch die aus der Rinderkasse der Tierseuchenkasse gewährten Beihilfen werden schließlich aus Beiträgen der Tierhalter gespeist.
Jetzt tritt das Desaster um BHV1 in eine weitere Phase ein: Am Mittwoch dieser Woche haben die Regierungsbezirke Arnsberg, Detmold und Münster den Status BHV1-frei erlangt, nicht aber Düsseldorf und Köln. Damit ist das Bundesland Nordrhein-Westfalen gespalten und es treten erhebliche Einschränkungen für die Verbringung von Tieren in Kraft. Für rheinische Milchviehbetriebe, die bislang ihre Bullenkälber an westfälische Mastbetriebe liefern, bedeutet die neue Regelung das Aus ihrer Geschäftsbeziehungen. Einem westfälischen Zuchtbetrieb, der seine Färsen auf der Auktion in Krefeld absetzen will, aber nicht den passenden Zuschlag erhält, ist untersagt, seine nicht verkauften Tiere wieder zurück in den heimischen Stall zu nehmen. Wohlgemerkt, wir befinden uns im Europa des Jahres 2016.
Man muss sich wahrlich fragen, ob der Irrsinn Methode hat. Laut Statistischem Landesamt gab es im Mai 2016 in den
Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf 485 073 Rinder, die in 5 119 Betrieben standen, davon 197 854 Milchkühe in 2 452 Betrieben. Und jetzt sollen es elf Betriebe mit insgesamt 750 Reagenten – also BHV1-positiven Rindern – sein, die der gesamten Rinderwelt in Nordrhein-Westfalen diese folgenschweren Einschränkungen bescheren? Wer über die Jahre seinen Bestand saniert hat, heute das Zeugnis BHV1-freier Betrieb erlangt und jetzt unter den Restriktionen zu leiden hat, der versteht die Welt nicht mehr. Die Umsetzung der BHV1-Richtlinie ist wahrlich kein Ruhmesblatt für Politik und Verwaltung, die es nicht geschafft haben, die Richtlinie zügig umzusetzen. Die „beratungsresistenten“ Betriebe gewähren zu lassen und die zu bestrafen, die ihre Hausaufgaben erledigt haben, das kann nicht der richtige Weg sein. Das haben die tapferen Gallier vermutlich genauso gesehen.