August 2017, 20.00 Uhr – aus Hamburg die Tagesschau. An der Studiowand rechts Eier, links ein qualmender Auspuff. Deutschland im Krisenmodus. Obwohl sie in der Sendung nur zwei Minuten auseinanderliegen, haben beide Krisen wenig gemein. Beim Abgasskandal haben traditionsreiche deutsche Unternehmen jahrelang gelogen und betrogen und damit viel Geld verdient. Und haben dabei eine reale Gesundheitsbelastung für Millionen Menschen in Kauf genommen. Aber die Lösung ist in Sicht. Dieselgipfel mit der Kanzlerin und schon am selben Abend das Ergebnis. Ein Software-update für die fast neuen Stinker reicht, dann klappt’s auch mit dem Diesel.
In der Landwirtschaft ist alles anders. Lebensmittelkrise? Hatten wir schon. Die Liste ist lang, nur die Highlights bleiben hängen. Hormone bei Kälbern, Dioxin in der Milch, BSE, EHEC, Gammelfleisch, Pferde-Lasagne und diesmal Fipronil in Eiern. Die Landwirtschaft wirkt wie ein Sumpf, in dem zwangsläufig immer wieder neue Skandale entstehen müssen. Das ist falsch. Die Landwirtschaft produziert europaweit mit hunderttausenden Entscheidern, von denen schon ein einziger mit krimineller Energie eine Krise auslösen kann.
Die amtliche Lebensmittelkontrolle hat das Problem nicht erkannt, hatten wir auch schon. Der Dioxin-Skandal 2010 kam durch eine Eigenkontrolle von Futtermitteln in einem QS-Betrieb ans Licht. Die Beimischung des Hormons MPA ins Schweinefutter kam 2002 heraus, weil Sauenhalter sich nicht erklären konnten, warum die Sauen plötzlich immer weniger Ferkel hatten. Der Fipronil-Skandal flog auf, als niederländischen Firmen, die Geflügelställe reinigen, die Kunden wegblieben, weil ein Wettbewerber deutlich mehr Erfolg beim Kampf gegen lästiges Ungeziefer hatte.
Die staatliche Lebensmittelkontrolle in Deutschland konnte Fipronil in Eiern gar nicht finden, weil sie nicht danach gesucht hat. Das zeigt erneut, dass immer mehr staatliche Kontrolleure das Problem alleine nicht lösen können. Sinnvoll erscheint eine intensivere Zusammenarbeit zwischen brancheneigener und staatlicher Lebensmittelkontrolle. Statt das letzte Fipronil-Ei zu suchen, wäre es cleverer zu überlegen, welche illegalen Insektizide noch in Frage kommen könnten, um Legehennen von Parasiten zu befreien.
Der Fipronil-Skandal hat sich rasch über weite Teile Europas ausgebreitet. Hatten wir auch schon. Dem einen oder anderen Verbraucher ist beim Studium der Stempelnummern vielleicht klar geworden, dass es Bodenhaltungs- und Freilandeier zum Superangebotspreis nur geben kann, weil sie kostengünstig in großen Beständen produziert werden und in großen Mengen, zum Beispiel aus den Niederlanden, importiert werden. Profitiert haben auch bei diesem Skandal die Direktvermarkter. Bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere Neukunde auch dann noch wiederkommt, wenn Fipronil schon längst vergessen ist.
Auch diesmal hat keiner was gewusst. Erst Wochen nach dem öffentlichen Bekanntwerden kommt heraus, dass Behörden in Belgien, den Niederlanden, Niedersachsen und sogar der EU-Kommission schon länger bekannt war, dass Fipronil illegal in der Legehennenhaltung eingesetzt wurde. Das Problem war also überwiegend schon gegessen. Hatten wir auch schon. Regeln für die Zusammenarbeit in Europa gibt es mehr als genug. Nachholbedarf gibt es offenbar bei deren Einhaltung.
Wie bei jedem Lebensmittelskandal löste auch Fipronil eine Grundsatzdebatte über die Landwirtschaft aus. Passt gut, es ist ja Wahlkampf. Die SPD will die Lebensmittelüberwachung optimieren, die grüne Fraktionschefin kritisiert den Bundesminister, weil er nichts tut, was sogar stimmt, weil er nicht zuständig ist. Der Ruf nach Abkehr von der Massentierhaltung und mehr Ökolandbau geht diesmal ins Leere. Das illegal mit Fipronil verbesserte Reinigungsmittel war auch im Ökolandbau zugelassen. Und Blutsauger wie die Rote Vogelmilbe sind in allen Haltungsformen und allen Bestandsgrößen ein Problem. Renate Künast fordert im Interview mit dem WDR „die Eier zu umzingeln“. Unfug, aber besser reden als ihr amtierender Nachfolger kann sie immer noch.
Ein wichtiger Aspekt der Krise geht in den Medien unter. Dass Verbraucher Verpackungsaufdrucke studieren, um dann Eier wegwerfen zu können, zeigt, dass die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln deutlich besser geworden ist. Das war die wichtigste Konsequenz aus dem BSE-Skandal. Nachholbedarf gibt es offenbar noch beim Herkunftsnachweis bei verarbeiteten Lebensmitteln. Jetzt gilt es, die Ursachen zu analysieren und über Konsequenzen nachzudenken, denn eines ist sicher, der nächste Lebensmittelskandal kommt bestimmt.