Es lässt sich nicht leugnen: Den Milchbauern hat das Jahr 2015 alles andere als einen guten Milchpreis beschert. Der AMI-Milchpreisvergleich ab S. 45 in dieser Ausgabe beweist es. Der durchschnittliche Auszahlungspreis der Molkereien ist im vergangenen Jahr um 8,5 Cent gegenüber 2014 gesunken. Im Bundesdurchschnitt lag der Milchpreis bei 29,31 Cent/kg. Das war alles andere als berauschend. Aber immerhin. Hätten wir noch einmal einen solchen Milchpreis, wird manch einer denken. Denn es geht noch schlimmer. Das aktuelle Jahr zeigt es. Von Januar bis zur Jahresmitte rauschten die Preise immer weiter in die Tiefe.
Insgesamt blicken die Milcherzeuger auf den längsten Preisrückgang seit 20 Jahren zurück. Dieser hielt – abgesehen von einigen Monaten – über zweieinhalb Jahre an. Aber das gilt nicht für die Biomilch. Die Preise für Biomilch blieben im vergangenen Jahr von dem massiven Preisverfall verschont und in diesem Jahr ist der Preisabstand zwischen konventionell und ökologisch erzeugter Milch noch größer geworden. Im Mai dieses Jahres haben die Biomilcherzeuger erstmals in der Geschichte doppelt so viel für ihren Rohstoff erhalten wie ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen. Kein Wunder, dass einige Milcherzeuger auf Biomilch umgestellt haben oder noch umstellen wollen. Aber auch hier gilt: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis und je höher das Angebot, desto schneller kann auch der Preis wieder fallen. Die Erzeuger von konventioneller Milch wissen davon ein Lied zu singen. Für sie ist der Preisverfall in den vergangenen Jahren nicht ohne Folgen geblieben. Es fehlt Geld, richtig viel Geld auf ihren Höfen. Viele Betriebe haben aufgegeben.
Aber es kommt noch schlimmer. Ausgerechnet in einer solch schwierigen Marktlage für die Milcherzeuger sind sich verschiedene Lebensmitteleinzelhändler nicht zu schade, den Molkereien reihenweise Forderungen in Richtung Tierwohl und Nachhaltigkeit zu präsentieren. Letztlich umzusetzen hätten dies natürlich andere – die Milcherzeuger. Insbesondere das Thema gentechnikfreie Futtermittel zeigt, dass Molkereien durchaus bereit sind, den Forderungen nach Einhaltung zusätzlicher Vorgaben nachzugeben und auf diesen Zug aufzuspringen. Manche Molkerei geht bereits unverhohlen davon aus, dass „gentechnikfreie“ Milch zum Standard wird. Dass dies für die Milcherzeuger mit Aufwand und Kosten verbunden ist, fällt unter den Tisch. Ein Hinweis auf eine mögliche Honorierung fehlt.
Und dann kommt da noch Edeka. In einem Schreiben an die Molkereien hat die Edeka-Zentrale kürzlich ihre Vorstellung für „Mindestanforderungen zur Haltung von Milchkühen“ formuliert. Auf mehreren Seiten wurde den Milchverarbeitern Punkt für Punkt mitgeteilt, welche Anforderungen sie künftig erfüllen müssen, wenn sie weiter auf der Einkaufsliste von Edeka stehen wollen. Eigentlicher Adressat sind auch in diesem Fall wieder die Milcherzeuger. Es ist schon ein regelrechter Affront gegen die Milchbauern, sie in der jetzigen Situation mit einem seitenlangen Forderungskatalog zu belangen. Dass sie diese Forderungen – unausgesprochen – dann noch zum Nulltarif umsetzen sollen, bringt das Fass zum Überlaufen. Ein solches Vorgehen – ob nun in punkto gentechnikfreie Fütterung oder Edeka-Forderungskatalog – sollten sich die Milcherzeuger nicht gefallen lassen. Sie sollten sich bei ihrer Molkerei zu Wort melden und nicht einfach alles laufen lassen. Sie sollten sich ohnehin mehr zu Wort melden in Sachen Lieferbeziehungen zwischen Milcherzeugern und Molkereien. Beispiele, wie man Preisschwankungen in den Molkereien auffangen kann, gibt es einige. Was das betrifft, scheint jedoch die Milchbranche hierzulande sehr reserviert zu sein.
Aber es gibt auch gute Nachrichten: Erfreulich ist, dass sich die Produktpreise in einzelnen Milchsegmenten verbessern. Allerdings bekommen die Milcherzeuger hiervon noch wenig zu spüren. Bei ihnen werden sich die verbesserten Produktpreise wegen der nachlaufenden Kontrakte mit dem Lebensmitteleinzelhandel vom Frühjahr erst später bemerkbar machen. Experten gehen davon aus, dass sich die Erzeugerpreise bis zum Jahresende im Durchschnitt wieder an der 30-Cent-Marke bewegen werden. Das wäre schön und den Milcherzeugern zu wünschen. Allerdings: Angebot und Nachfrage bestimmen nach wie vor den Milchpreis. Wird sofort wieder mehr Milch produziert als der Markt aufnehmen kann, dann ist die Erholung schnell wieder dahin. Daran sollten die Milcherzeuger beim kleinsten Preisanstieg denken.