34 - Wo sind die Insekten?

„Bis zu 80 % weniger Insekten in Deutschland“ schrieben in den vergangenen Wochen zahlreiche Medien. Auch unter den Bundestagsabgeordneten wurde kürzlich über das Insektensterben diskutiert. Wer ist schuld? Und wie kann man den Trend umkehren?

Andrea Hornfischer

„Bis zu 80 % weniger Insekten in Deutschland“ schrieben in den vergangenen Wochen zahlreiche Medien. Auch unter den Bundestagsabgeordneten wurde kürzlich über das Insektensterben diskutiert. Wer ist schuld? Und wie kann man den Trend umkehren?

„Warum sind Bienen religiös? Weil sie in Sekten sind!“ Genauso inhaltsstark wie dieser Witz ist die Diskussion über den Insektenschwund in Deutschland. Auch in diesem Sommer erschienen wieder zahlreiche Berichte, in denen behauptet wird, dass die konventionelle Landwirtschaft an dem Insektensterben schuld sei. Rita Schwarzelühr-Sutter, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, erklärte kürzlich auf Anfrage der Grünen, dass viele Faktoren für den Rückgang der Insekten verantwortlich sind. Wörtlich hieß es: „Mittel insbesondere aus der Stoffgruppe der Neonikotinoide neben anderen Faktoren wie Habitatverlust, Fragmentierung der Landschaft, Umweltverschmutzung, invasive Arten oder auch der Klimawandel“. Nach Kenntnis des UBA habe die Intensivierung der Landwirtschaft maßgeblich durch Habitatverlust und den Eintrag von Agrarchemikalien einen negativen Effekt auf die Insekten.

In Deutschland beobachtet der Krefelder Entomologische Verein mittels eines normierten Verfahrens die Entwicklung der Insektenpopulation an verschiedenen Messstandorten. Auch der zuständige Insektenforscher, Dr. Martin Sorg vom Krefelder Entomologischen Verein, verortete die derzeitige Diskussion „in einer Wolke der Unwissenheit“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16. Juli 2017). Natürlich könne man die damals nur zwei Messstandorte mit den durchschnittlichen

80 % Insektenschwund nicht auf ganz Deutschland hochrechnen. Die Krefelder Insektenforscher bestätigten, dass es keine gesicherten Erkenntnisse gibt. Wir brauchen eine Aufarbeitung bekannter Daten und müssen ein Langzeit-Monitoring auf dem Weg bringen. Hierzu können die bisherigen Ergebnisse der Krefelder Forscher eine Grundlage bilden. Auch der Deutsche Bauernverband fordert, die Lücken bei der Datengrundlage zu schließen. Es gebe keine repräsentativen Untersuchungen über das Ausmaß von Veränderungen des Insektenbestandes. Das Insektensterben ist ein multifaktorielles Geschehen – wie das Bundesumweltministerium bestätigt hat. Die Landwirtschaft sieht folgende Herausforderungen für die Insektenbestände, die über die bereits genannten hinausgehen:

Flächenverbrauch: Jeden Tag werden in Deutschland 66 ha grüne Fläche versiegelt mit Wohnungs- und Siedlungsbau. Das sind jeden Tag 66 ha weniger Lebensraum für Insekten. Hier muss die Politik endlich ihr Ziel umsetzen und den Flächenverbrauch stoppen! In NRW peilt man seit zehn Jahren das 5-ha-Ziel an und betoniert doch jeden Tag knapp 10 ha zu.

Heller Wahnsinn: Die Lichtverschmutzung von Straßenlaternen und Co. lässt Milliarden Insekten jährlich ins falsche Licht fliegen und verbrennen. Das bemängelt nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch der NABU und andere Organisationen.

Trotzdem: Auch wenn das Insektensterben von der Politik für jegliche Ziele genutzt wird – sei es das Verbot von Glyphosat, die Reduzierung der Tierhaltung oder was auch immer –, die Faktenlage bleibt. In den gut genutzten Ackerstandorten mit rasierten Banketten finden weniger Insekten einen Lebensraum. Daher ist es wichtig, dass die Landwirtschaft diesen Trend umkehrt! Und das tut sie auch! Die landwirtschaftlichen Verbände in NRW haben mit dem NRW-Landwirtschaftsministerium eine freiwillige Vereinbarung zur Förderung der Biodiversität im Dezember 2015 unterschrieben und damit ein Zeichen gesetzt, dass sie sich gerne für den Arten- und Naturschutz einsetzen. Die Landwirte machen hier auch schon einiges, wie Feldhamsterschutz in der Zülpicher Börde, verschiedene Projekte mit der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft, wie das Anlegen von Blühstreifen und blühende Zwischenfrüchte. Dazu kommen bei den Gewässerrandstreifen viele Kilometer, die im Rahmen von Agrarumweltprogrammen angelegt wurden und bei diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt wurden.

Anders als viele vermuten dürften, hat die Landwirtschaft ein großes Interesse daran, dass die Insektenbestände zwischen Schadinsekten und Nützlingen ausgewogen sind. In diesem Fall kann der Landwirt darauf vertrauen, dass die Natur es selbst regelt und der Einsatz von chemischen oder biologischen Pflanzenschutzmitteln in den Kulturpflanzen auf ein Minimum reduziert werden kann. Vor allem Wildbienen, aber auch Honigbienen und andere Insekten, wie Schwebfliegen und Schmetterlinge, erbringen durch die Bestäubung eine wichtige ökologische Dienstleistung. Sie spielen somit eine bedeutende Rolle für die Sicherung landwirtschaftlicher Erträge. Das wissen auch die Bauern.