35 - Ein Weckruf!

Die Anfänge reichen fünf Jahre zurück. Vor zwei Jahren verkündeten Plakate im Handel dann, dass man mit dem Kauf des Fleisches die „Initiative für mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung“ unterstützt. Nun geht es verändert weiter.

Brigitte Wenzel

Erklärungen, Offensiven und Label … in den letzten Jahren sind so viele Aktionen zum Tierwohl gestartet worden, dass man den Überblick verloren hat. Die Initiative Tierwohl des Deutschen Bauernverbandes sticht dabei positiv heraus, weil sie sowohl die unterschiedlichen Strukturen der Tierhaltung als auch die der Vermarktung von Fleisch berücksichtigt. Ziel dieser Initiative war und ist es, das Tierwohl in die Fläche zu bringen, also alle Schweine, Puten und Hähnchen davon profitieren zu lassen. Der Verbraucher soll ein gutes Gewissen haben können, weil die Tiere ein gutes Leben hatten.

Tierwohl ist nicht zum Nulltarif zu haben. Deshalb wurde eine Kasse zunächst von denen mit Geld gefüllt, die im Lebensmitteleinzelhandel über 80 % des Umsatzes machen. Hieraus wurden zusätzlich zu erfüllende und kontrollierte Haltungskriterien beim teilnehmenden Erzeuger entlohnt. Immerhin 85 Mio. € pro Jahr standen zur Verfügung. Für den Anfang ganz gut. Doch wenige hatten mit so großem Interesse seitens der Landwirte gerechnet. Das Geld reichte nur für 2 000 Schweinebauern, beworben hatten sich über 4 000. So waren viele Bauern enttäuscht. Ein paar von ihnen konnten durch das Ausscheiden bereits registrierter Betriebe in der Warteliste nachrücken. Die anderen bewerben sich für die nun anstehende Fortsetzung, die dringend mehr zahlende Partner braucht.

Im Hinblick auf die Summe, die der Wissenschaftliche Beirat des Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt für langfristig höhere Tierwohlstandards in Deutschland errechnet hat – nämlich 3 bis 5 Mrd. € pro Jahr –, sind wir, auch wenn der Handel die Kasse auf 130 Mio. € jährlich erhöht hat (siehe S. 16), noch sehr weit vom Ziel entfernt. Kein Wunder, denn der Brancheninitiative fehlt es an Unterstützung aus drei wichtigen Gruppen: Landwirten, Verbrauchern und Politik.

• Es gibt kaum Landwirte, die die Initiative aktiv bewerben. Warum soll man etwas bewerben, von dem man vielleicht gar nicht selbst profitiert? Weil die Landwirte hierbei bewiesen haben, dass sie sehr wohl mehr Tierkomfort in die Ställe bringen, wenn es denn auch bezahlt wird!

• Der Verbraucher weiß nicht, was die Initiative Tierwohl ist. Das ist ein Problem, denn gerade für ihn machen wir es doch. Kritiker behaupten, Tierwohl ohne Label sei Verbrauchertäuschung. Dazu ein Vergleich: Wer beim Strom den Ökotarif bezahlt, bekommt selten Garantien dafür, dass auch Strom aus Erneuerbaren aus seiner Steckdose fließt. Aber er bezahlt trotzdem den höheren Preis. Das sollte bei der Initiative Tierwohl mal gesagt werden, unter anderem von der dritten Gruppe:

• Den Ministern in Bund und Ländern, die lieber etwas Eigenes machen, als etwas Vorhandenes wirksam zu unterstützen. Was natürlich menschlich ist, aber doch Fragen aufwirft. Zum Beispiel die Frage nach der Machbarkeit. Muss man wirklich ein freiwilliges Label definieren, dessen Standards deutlich über den gesetzlich vorgeschriebenen liegen, um das Fleisch dann vielleicht nur 20 % teurer anzubieten? Das kann doch nicht funktionieren! Es wäre zwar erschwinglich für den Verbraucher, die zusätzlichen Kosten allein für die Logistik der Teilstücke dieser Schweine aber zu hoch. Das Geld flösse wieder nicht in die Ställe und der Verbraucher hätte wieder die Wahl, das etwas billigere Fleisch zu kaufen. Das war nicht das Ziel!

Fazit für die Politik müsste es deshalb sein, die Initiative Tierwohl uneingeschränkt und sichtbar zu unterstützen, zum Beispiel durch Flyer in den Kantinen der Behörden. Damit könnte man dann auch glaubwürdig überall dafür werben, dass sich der immer größer werdende Bereich des Außer-Haus-Verzehrs finanziell beteiligen muss, um die Haltungsbedingungen aller Tiere zu verbessern. Wenn das nicht endlich passiert, gibt es keine Fortsetzung der Initiative. Und das wäre ein Jammer! Schon heute profitieren 14 Mio. Schweine und über 230 Mio. Puten und Hähnchen: Die Initiative Tierwohl der Branche ist allein bezogen auf die Tierzahl deshalb das erfolgreichste Programm für mehr Tierwohl bei Nutztieren und verdient mehr Unterstützung von allen Beteiligten! Die Initiative steht bewusst nicht für ein Nischenprodukt mit aufwendiger Logistik, sondern will das Niveau im Fleischbereich insgesamt anheben: in Schritten, bei denen sowohl die im Wettbewerb stehenden Landwirte als auch die preissensiblen Verbraucher mitgenommen werden.