36 - Wir sind weiter

Ausgerechnet ein Projekt des Westdeutschen Rundfunks (WDR) rüttelt an dem romantischen Wunschbild einer technikfernen Landwirtschaft. Es zeigt: Die Digitalisierung hat längst Einzug gehalten und macht keinen Unterschied zwischen Betriebstypen und -ausrichtungen.

Detlef Steinert

Wenn der WDR sich mit Landwirtschaft befasst, gehe ich normalerweise in Habachtstellung. Auch im Vorfeld des Formats Superkühe war dies so. Schon Wochen vor der ersten Ausstrahlung am vergangenen Montag machte der Sender damit von sich Reden. Bei Medienfachleuten sorgte vor allem für Gesprächsstoff, dass sich die Journalisten an einer neuen Art versuchen, Informationen zu gewinnen und aufzubereiten. Sensoren liefern ihnen nämlich Daten über die Physiologie und den Lebensalltag von drei Kühen in drei Betrieben im Rheinland und in Westfalen, welche sie dann in unsere Sprache übersetzen.

Genauso groß war die Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken. Denn es gehört zum Konzept, viele Medienkanäle einzubeziehen und so den Nutzern die Möglichkeit zu geben mitzureden. Es wundert daher nicht, dass bereits kurz nach Freischalten des Facebook-Auftritts der Superkühe vehemente Gegner jeglicher Nutztierhaltung versuchten, die Meinungs- und Deutungshoheit zu erringen. Mit ihren Posts bestätigten jedoch zahlreiche Bäuerinnen und Bauern aus dem gesamten Bundesgebiet, dass Landwirtschaft längst im digitalen Medienzeitalter angekommen ist und sich dort von verbohrten Extremisten nicht mundtot machen lässt. Ihre Ausdauer bei den sich entspinnenden Wortgefechten belegt überdies, dass sich die Verfechter der Landwirtschaft bewusst sind, worum es eigentlich geht: nicht um die unbelehrbaren Ideologen, sondern darum, der mitlesenden, aber nicht mit diskutierenden Mehrheit nachprüfbare Fakten ohne weltanschauliche Verbrämung zu liefern.

Für mich sehr wohltuend: Bisher übt sich der WDR in den Diskussionen in den sozialen Netzwerken selbst in ungefärbten Beiträgen. Damit bleibt er seinem eigenen Anspruch und dem experimentellen Ansatz des Formats treu, messbare – und damit nachprüfbare! – Werte von Sensoren seiner Berichterstattung zugrunde zu legen. Das ist im Übrigen ein Grund, warum Medienexperten die Superkühe spannend finden: Der sogenannte Datenjournalismus soll durch Glaubhaftigkeit von Fakten den Medien dazu verhelfen, verlorenes Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

Einer der für mich spannendsten und für das Bild der Landwirtschaft gewinnbringendsten Aspekte liegt im Vorgehen der Journalisten. Ohne modernste Technologie zur Datenerhebung zu nutzen, könnten sie dieses Projekt gar nicht realisieren. Sie bedienen sich also Techniken, die für Landwirte und Landwirtinnen alltäglich sind, weil sie genau so oder ähnlich in Melkkarussellen, bei der Tiererkennung oder in Futtermischwagen verbaut sind. In dieser Alltäglichkeit liegt das große Pfund: Sie verdeutlicht, wie selbstverständlich Bauern und Bäuerinnen jeglicher Betriebsform die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um die Bedürfnisse der Tiere zu erfassen und ihnen gerecht zu werden – und das ohne Ansehen von Betriebsgröße, -form oder -ausrichtung.

Man braucht es auch nicht groß zu unterstreichen: Gleiches gilt für andere Tierhaltungszweige oder den Ackerbau, dass moderne Technologie die Landwirte dabei unterstützt, ihr Wirken bestmöglich in Einklang mit Mitgeschöpf und Umwelt zu gestalten. Ihre LZ Rheinland wird Sie, liebe Leserinnen und Leser, daher auch künftig laufend in diesem Sinne begleiten und unterstützen, egal ob durch Beiträge über interessante Medienformate wie die Superkühe (siehe Ausgabe 35 und aktuelle Ausgabe S. 42 und 43) oder über Innovationen, welche die Unternehmen der Agrartechnik im Vorfeld der Agritechnica zurzeit im Wochentakt vorstellen.