„Seid einig“ oder „Gemeinsam stark“, so kann man es noch heute in den Wappen oder Emblemen – neuerdings auch Logos genannt – einiger Landesbauernverbände lesen. Auch der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) und der Deutsche Bauernverband (DBV) hatten sich zielstrebig als Einheitsorganisation für die rheinischen beziehungsweise deutschen Bauern gegründet. Denn die Bauern hatten ihre Lehren gezogen aus der stark zersplitterten Interessenvertretung vor 1933, die den Regierenden leichtes Spiel ließ, um Bauernforderungen abzuwehren.
Der Rheinische Landwirtschafts-Verband verstand und versteht sich deshalb niemals als Vertretung nur der landwirtschaftlichen Eliten. Auch die schwachen, die vielen kleinen Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe sollen und können sich im Verband zu Hause fühlen. Maxime des Verbandes war und ist, gleichzeitig für jeden Produktionszweig das Mögliche herauszuholen.
Dabei hatte seit dem Gründungsjahr 1946 kein wirtschaftlicher Interessenverband in der Bundesrepublik Deutschland eine so schwierige Aufgabe zu meistern wie die landwirtschaftliche Berufsvertretung. Es gibt außer den Land- und Forstwirten keinen standortgebundenen Wirtschaftsbereich, der so hohen Erwartungen aus Umwelt-, Landschafts- und Verbraucherschutz ausgesetzt ist, der Grundlagen für menschliches Leben überhaupt schafft und sich gleichzeitig einem weltweiten Wettbewerb stellen muss. Kein Wirtschaftsbereich hat ähnliche Produktivitätssteigerungen, ähnliche Traditionsbrüche und radikale Umwälzungen meistern müssen wie die Landwirtschaft.
War im Gründungsjahr des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes noch ein Viertel (25 %) der Menschen in Deutschland in der Landwirtschaft beschäftigt, sind es heute keine 2 % mehr. Wenn man feststellt, dass die Landwirtschaft von 2016 nicht die von 1976 und erst recht nicht die von 1946 ist, dann hat das auch Konsequenzen für die Arbeit eines berufsständischen Verbandes, der sich daran messen lassen muss, wie er auf die Veränderungen reagiert hat. Der Blick in die 70-jährige Geschichte der landwirtschaftlichen Berufsvertretung im Rheinland macht deutlich, was der RLV für die Bauern geleistet hat (lesen Sie dazu die Sonderseiten in der Heftmitte). Die Erfahrungen aus der Geschichte sollten Mut für die Zukunft geben.
Gewiss, der Einzelne wird vielleicht den Erfolg der Verbandsarbeit daran messen, was sie für ihn und seinen Betrieb gebracht hat. Aber ist das gerecht? Tatsache ist: Kaum ein Milchviehhalter kennt heute noch die Sorgen seines Schweine haltenden Kollegen oder weiß, wo den Ackerbauern der Schuh drückt – und umgekehrt. Das gegenseitige Verständnis schwindet mit der vollzogenen und sich weiter vollziehenden Spezialisierung. Selbst in einer so homogenen Gruppe wie die der Milcherzeuger gehen die Meinungen heftig auseinander.
Gerade aber weil der Anteil der Landwirte an der Gesamtbevölkerung immer mehr zurückgegangen ist und weiter zurückgeht, müssen Interessen umso mehr gebündelt werden, um sich politisch Gehör zu verschaffen. Denn auch die Entscheidungszentren haben sich gründlich verlagert. Heute werden je nach Rechtsgebiet 60 bis 80 % aller Regelungen von Brüssel aus vorgegeben. Spezialverbände und Spezialgruppen können im gesetzgeberischen und agrarpolitischen Bereich kaum etwas bewirken, wenn sie ihre Forderungen nicht in einem größeren Verband einbringen und dort die Abstimmung erfolgt. Wenn heute dem Deutschen Bauernverband und seinen Landesbauernverbänden nachgesagt wird, sie seien einer der stärksten Lobbyvereinigungen in Deutschland, spricht das gewiss für den Erfolg einer einigen landwirtschaftlichen Berufsvertretung.
Darum: Ackerbauern wie Schweinemäster, Milchviehhalter wie Geflügelbetriebe, Obst- und Gemüseerzeuger, Mutterkuhhalter, Schaf- und Ziegenzüchter oder Wildtierhalter, konventionelle Betriebe genauso wie Ökobetriebe – alle brauchen eine einige berufsständische Vertretung. Der kleine wie der große Landwirt profitiert, wenn es weiterhin gelingt, in einem Verband allen eine Heimat zu bieten.