Es gibt so Momente im Leben, da fühlt man sich irgendwie in der Zeit zurückversetzt. Etwa in die 1980er-Jahre. Erinnern Sie sich noch? Neue deutsche Welle. Atomkraft, nein danke! Saurer Regen. Waldsterben. Und das Lied „Karl, der Käfer“.
Dann gibt es die Momente, in denen man meint, das war doch erst kürzlich. So einen Moment hatte ich vergangene Woche. „75 % weniger Insekten“ – das war nahezu allen Medien mehr als nur eine Meldung wert. Aber kannte ich die Schlagzeilen nicht schon vom Sommer? Richtig. Bereits im August machten Krefelder Hobby-Insektenforscher mit einem ähnlichen Tenor auf sich aufmerksam. Ihre Auswertung, aus der sie eine rapide Abnahme der Insektenvielfalt ableiteten, wurde zwar millionenfach verbreitet, von Experten aber schnell als Unstatistik entlarvt.
Daten der gleichen Gruppe dienten nun für den Aufreger der vergangenen Woche. Deren Auswertung und Veröffentlichung durch ein niederländisches Forscherteam beschwor sogar Weltuntergangszenarien („Armageddon“) herauf. War dafür die schlichte Wiederholung verantwortlich oder der wissenschaftliche Anstrich, den die Daten nun erhalten hatten? Aus der Studie selbst kann sich diese Hysterie jedenfalls nicht erklären, geschweige denn rechtfertigen; zu dünn ist deren wissenschaftliche Basis:
▶▶ die Originalstudie spricht von einer 75 %igen Abnahme der Insektenmasse, nicht von einem Rückgang der Arten;
▶▶ die Autoren schreiben selbst, ihre Daten würden keine Langzeitaufzeichnungen für einzelne Standorte darstellen;
▶▶ nur bei einem Zehntel der Messstellen liegen Daten von mehr als zwei Jahren vor;
▶▶ der postulierte Rückgang resultiert daraus, dass die Messdaten aus verschiedenen Jahren und von verschiedenen Standorten mittels eines mathematischen Modells hochgerechnet wurden;
▶▶ die Autoren können keine einzige Ursache für den Rückgang wissenschaftlich exakt belegen, sie stellen nur eine Mutmaßung in Richtung Landwirtschaft an.
Das weckt Erinnerungen an die 1980er-Jahre, als die Welt schon einmal unterzugehen schien, weil der deutsche Wald scheinbar kurz vor dem Exitus stand. Geholfen haben ihm nicht Wehklagen und hysterischer Aktionismus. Geholfen haben die nüchterne, wissenschaftliche Ursachenforschung und die Umsetzung technischer Lösungen für die Vermeidung und Reinigung von Abgasen in Industrie, Verkehr und Privathaushalten. So sollte es heute genauso gehandhabt werden! Indizien müssen ernst genommen und mit wissenschaftlicher Akribie die Ursachen ermittelt werden. Eine eindimensionale Schuldzuweisung an die Landwirtschaft ist weder belegbar noch gerechtfertigt. Karl, der Käfer, hat das damals am eigenen Leib erfahren, und seine Nachfahren heute sind in einem noch größeren Ausmaß davon betroffen: „Dort, wo er einmal zu Hause war, fahr’n jetzt Käfer aus Blech und Stahl“; nur hat der Grund für Karls Exodus heute einen Namen: Flächenfraß.
Industrie, Verkehr und Privathaushalte dürfen sich heute also genauso wenig wie die Landwirtschaft aus der gemeinsamen Verpflichtung stehlen, Insekten in unseren Gefilden Lebensräume zu bieten. Landwirte gehen mit gutem Beispiel voran, indem sie Blühstreifen anlegen und vermehrt Zwischenfrüchte anbauen. Häuschenbesitzer können ihrem Beispiel folgen und etwa beim Rasenmähen eine Gartenecke stehen lassen, damit der Wildwuchs sich als Insektenweide entfalten kann; Stadtgärtner können auf monotone Bodendecker und Hecken verzichten und stattdessen Blumen aussäen und Blühgehölze anlegen; und Infrastrukturplaner können für Nachverdichtung im Städtebau oder Nutzung von Industriebrachen sorgen.
Ich bin schon gespannt, was mir in den Sinn kommt, wenn ich 2040 in einen Apfel beiße und an heute zurückdenke.