44 - Wo gibt’s das noch?

Bonn im Ausnahmezustand. 25 000 Besucher aus aller Welt erwartet die Stadt im November zum Weltklimagipfel. Da ist das Verkehrschaos vorprogrammiert. Aber: Alles für ne joode Zweck, schließlich geht’s ja um die Zukunft der Welt.

Zur Antwort auf die Frage „Wie werden wir in Zukunft alle satt?“ muss die Landtechnik einen beachtlichen Teil beitragen. Bernhard Rüb

Darüber können die Hannoveraner nur lachen. Über 400 000 Besucher kommen im November, an manchen Tagen bis zu 50 000. Auch in Hannover geht es um die Zukunft der Welt, wenn auch mehr auf praktischem Niveau. Zur Antwort auf die Frage „Wie werden wir in Zukunft alle satt?“ muss die Landtechnik einen beachtlichen Teil beitragen. Und anders als beim Klimagipfel gibt es in Hannover vor allem praxistaugliche Antworten.

2 800 Aussteller aus 53 Ländern zeigen auf der Agritechnica, was sie können und was sie in den beiden vergangenen Jahren entwickelt haben. Wer wissen will, was in der Branche läuft, muss da hin. Viele gute Ideen kommen aus Deutschland. Die Stimmung ist gut. 7,5 Mrd. € Umsatz erwarten die deutschen Landmaschinen- und Traktorenhersteller für dieses Jahr, 4 % mehr als im Vorjahr. Gekauft wird, was gut und teuer ist. Wichtigster Markt für viele Hersteller ist Osteuropa, aber auch die deutschen Landwirte investieren wieder kräftig in neue Technik. Woher das Geld kommt, ist nicht immer so ganz klar, aber wer Landwirt bleiben will, muss investieren.

Die Landtechnikbranche steht vor großen Herausforderungen. Welche Maschinen werden gebraucht, um den Klimawandel zu bewältigen? Was kann die Technik zu wassersparenden Anbauverfahren beitragen und wie das in vielen Teilen der Welt immer knappere Wasser besser verteilen? Können Sonne und Wind das Erdöl als immer noch nahezu einzige Energiequelle der Landmaschinen ablösen und damit auch helfen, CO2 zu sparen? Welche Maschinen braucht die konservierende Bodenbearbeitung, die Energie und Wasser spart, wenn es kein Glyphosat mehr gibt?

Die Antworten auf diese Fragen fallen spärlich und teilweise noch sehr konservativ aus. Zurück zum Pflug ist die am häufigsten genannte Alternative zum Glyphosat. Besonders innovativ ist das nicht. Pflüge aus Stahl gibt es seit rund 180 Jahren und so richtig revolutionäre Neuerungen sind auch in den neuesten Modellen nicht erkennbar. Wer 30 cm tief pflügen will, muss kräftig anspannen und braucht dafür jede Menge Sprit und Zeit. Dennoch wird es in diesem Jahr noch mehr Pflüge zu sehen geben.

Elektrische Antriebe sind, wieder mal, ein Thema. Integrierte Generatoren im Traktor und elektrisch angetriebene Anbaumaschinen wurden schon mehrfach in Hannover präsentiert und prämiert. Auf dem Acker trifft man sie eher selten. Diesmal kann man den ersten Traktor bestaunen, der ausschließlich elektrisch angetrieben wird. Ein anerkennenswerter Versuch, aber bis Traktoren und Mähdrescher im nennenswerten Umfang mit Strom betrieben werden können, wird es noch lange dauern. 500 und mehr PS lassen sich nicht einfach mit der Antriebstechnik aus dem E-Bike ersetzen.

Ein großes Thema wird erneut die Landtechnik 4.0 sein. Bordcomputer, Sensoren, Monitore und GPS-gesteuerte Lenkung und Überwachung sind schon heute in vielen Betrieben Alltag. Aber die Entwicklung bleibt nicht stehen. Wer Leistung und Qualität von Landmaschinen noch weiter steigern will, braucht zum einen Elektronik, die noch einfacher zu bedienen ist. Optimierungssysteme für die Einstellung komplexer Maschinen, wie zum Beispiel eines Mähdreschers, zeigen in diese Richtung. Der nächste Schritt ist die bessere Vernetzung der Maschinen unterei­nan­der.

Auf große Aufmerksamkeit können putzige kleine Feldroboter hoffen, die in ganzen Schwärmen über den Acker fahren und präzise Saatgut platzieren oder Unkräuter erkennen und auszupfen. Feldroboter gab es in Hannover schon öfter zu sehen. Neu ist, dass sich auch große Unternehmen dieser Idee widmen. Die Vorstellung, dass der Landwirt seine Roboterschar am Bildschirm für die Arbeit programmiert, ist faszinierend, aber bis diese Heinzelmännchen den Acker bevölkern, wird es noch lange dauern. Und der Landwirt wird sie immer noch selbst aufs Feld bringen müssen, damit sie auf dem Weg dorthin nicht überfahren werden.

Der Besuch in Hannover lohnt sich auf alle Fälle. Für die einen ist es eine Mischung aus Wallfahrt und Oktoberfest, andere nutzen den Besuch in Hannover, um Investitionen vorzubereiten. Der emotionale Gewinn ist nicht zu unterschätzen. Umgeben von zehntausenden Menschen, die, zumindest an diesem Tag, Landwirtschaft einfach nur klasse finden. Wo gibt’s das noch? Im Rheinland schon lange nicht mehr.