Kein Wort beflügelt die Diskussion der Landwirtschaft über die zukünftige Ausrichtung so sehr, wie „nachhaltig“. Bedeutet Nachhaltigkeit nun aus Sicht der Gesellschaft, dass alles anders gemacht werden muss, am besten mit einer ausschließlichen Fokussierung auf die ökologische Komponente? Gehört nachhaltiges Wirtschaften nicht zum Selbstverständnis der Bauern? Ja, es gehört zum grundlegenden Werteverständnis der Bauern. Schließlich wirtschaften die meisten Familien im Rheinland schon über Generationen auf ihrer Scholle und möchten dies auch kommenden Generationen ermöglichen. Aber irgendwie müssen die unterschiedlichen Sichtweisen zusammengebracht werden und dürfen nicht dazu führen, dass künftig der Nachweis der Nachhaltigkeit nur ein neues bürokratisches Monster wird, das gerade die vielen kleinen und mittleren Betriebe vor große Herausforderungen stellt und letztlich den Strukturwandel anheizt. Das wäre fatal.
In den letzten Jahren haben sich gerade die Milchviehhalter immer wieder mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen müssen. Der Lebensmitteleinzelhandel und die internationalen Märkte verlangen von den Molkereien verstärkt den Nachweis für das nachhaltige Tun der Milchbauern. Allzu oft stoßen die teils nicht gerade an der Praxis orientierten Anforderungen auf völliges Unverständnis bei den Bauern. Auch fehlt der Glaube, dass ein Zertifikat tatsächlich helfen kann, den Milchpreis für die Landwirte dauerhaft zu stabilisieren. Da ist es nur zu verständlich, wenn sich im Berufsstand immer wieder Kritik an der ausufernden Bürokratie und den detailreichen Vorschriften für die Produktion einstellen, gehen diese doch nicht selten über den gesetzlichen Standard hinaus.
Gerade in diesem Spannungsfeld ist das in der letzten Woche vorgestellte Papier des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes eine schwere Kost. Nicht jeder Bauer in Westfalen dürfte sich angesprochen fühlen, wenn man ihm abspricht, nur ansatzweise nachhaltig zu wirtschaften und sogar herausstellt, „... weil wir durch unsere Art und Weise der landwirtschaftlichen Erzeugung dazu beitragen, dass Boden, Wasser, Luft und Tiere ... geschädigt werden“. Natürlich gehört es zur Landwirtschaft, dass wir auf verschiedene Umweltparameter und auf die Lebensweise der Tiere Einfluss haben. Aber es wird völlig verkannt, dass die Landwirte in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen haben, ihre Produktion im Sinne der Ressourcenschonung deutlich zu verbessern. Ob beim Gewässerschutz, in der Ausrichtung der Tierhaltung auf mehr Tierwohl oder im Naturschutz. All die Kraftakte und Bemühungen der letzten Jahrzehnte werden durch diesen Satz de facto weggewischt.
Dabei gehört zur Veränderung, dass man aus den positiven Erfahrungen der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zieht. Dies bedeutet, gerade in der Nachhaltigkeitsdebatte, das klare Bekenntnis für den bäuerlichen Familienbetrieb. Dies wiederum verlangt von der Politik, dass man nicht immer wieder die Ausgleichszahlungen, etwa der ersten Säule, in Frage stellt und es endlich schafft, Regeln aufzustellen, die verhindern, dass der Konzentrationsprozess auf der einen oder anderen Seite auf dem Rücken der Bauern ausgetragen wird. Schließlich ist die Nachhaltigkeit mehr als nur Ökologie und Tierwohl. Nein, auch die ökonomische und soziale Komponente gehören dazu. Und da ist die Landwirtschaft gefordert, sich in die Nachhaltigkeitsdebatte einzumischen. Sie muss aufgrund ihres Werteverständnisses sogar Motor für eine zielgerichtete Nachhaltigkeitsstrategie sein, die dauerhaft den bäuerlichen Familienbetrieben zugutekommt. Nachhaltigkeit zu definieren darf nicht zu einem Privileg des Lebensmitteleinzelhandels verkommen, der gegenüber den Kunden vermittelt, wie gut sein Produkt ist und gleichzeitig den Produzenten ruinöse Preise bezahlt. Das kann man heute schon nahezu bei jedem Einkauf von Textilien sehen.
Daher ist der Ansatz der Deutschen Stiftung Umwelt, die vergangene Woche den Startschuss für den Kodex Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft gab, vielleicht auch geeignet, wirklich auf den dritten Weg der Landwirtschaft einzubiegen (siehe Artikel auf S. 10). Es muss darauf geachtet werden, dass man zu einer sachgerechten Lösung kommt, die dann auch von der Politik offensiv verteidigt und nicht beim ersten Ruf eines Landwirtschaftskritikers wieder über Bord geworfen wird. Vielleicht gibt dieser Weg auch die notwendige Motivation, die Nachhaltigkeit im Betrieb zu gestalten.