Ochs und Esel sind für mich die „Tiere des Jahres“. Denn manches Mal stand ich „wie ein Ochs vorm Berg“ und habe nicht kapiert, was in unserer Gesellschaft gerade vor sich geht. Wie kann es passieren, dass Menschen beim Geldholen über einen Zusammengebrochenen steigen – und nicht auf die Idee kommen, Hilfe zu holen? Wie kann es sein, dass jemand die Wahl zum Präsidenten in einem Land gewinnt, das sexuelle Übergriffe ahndet – obwohl er sich damit brüstet? Wie kann es sein, dass Flüchtlinge unter Generalverdacht geraten, weil einige von ihnen erschreckend kriminell werden? Für mich wurde in diesem Jahr spürbar, dass sich in unserer Umgebung vieles ändert.
Viel mehr Menschen als gedacht sprachen Vorurteile aus, die ich für überholt hielt, und konnten auf Zustimmung hoffen. Der Zusammenhalt in Europa und die europäische Idee standen in Frage wie lange nicht. Zwischen Hilfsbereitschaft und Frustrationsäußerungen lagen selbst bei engagierten Menschen manchmal nur wenige Tage. Manches Mal habe ich im Vorfeld nicht einmal mitbekommen, dass eine Einschätzung sich verändert hatte, dass Menschen, die bislang tatkräftig und offen für andere eintraten, sich zurückzogen und Enttäuschung und Verunsicherung erst einmal für sich oder im kleinen Kreis der Vertrauten verdauen mussten.
Dankbar war ich für die Unermüdlichen, die, die dranblieben. Während ich noch ratlos zu verstehen suchte, traf ich Menschen, die nüchtern konstatierten, dass Konflikte normal sind, wenn Menschen mit verschiedenen Interessen und Gewohnheiten aufeinandertreffen. Sie betonten, dass es darauf ankomme, mit diesen Konflikten vernünftig umzugehen. Sie waren es, die ihren selbst gewählten Aufgaben treu blieben oder übernommene Verpflichtungen weiterführten – manchmal treu wie ein Esel. Manches Mal habe ich gedacht: „Wo die Pferde versagen, schaffen es die Esel.“
Treu und beharrlich dranbleiben an den Werten, die mir etwas bedeuten, wie ein Esel, selbst wenn ich nichts verstehe wie ein Ochse vor dem Berg, das könnte über diesem Jahr stehen. Was liegt näher als zu fragen: Ochs und Esel – wie kommen diese beiden Tiere, die nicht gerade für Klugheit und Stolz stehen, eigentlich in die Weihnachtsgeschichte?
In unseren biblischen Erzählungen fehlen sie. Aber in fast allen Krippen und Weihnachtsbildern sehen wir sie. In der Kunstgeschichte gibt es bereits auf einem Sargrelief des dritten Jahrhunderts ein Bild von der Krippe mit Kind, flankiert von Ochs und Esel. Wir können es uns einfach machen und sagen, dass sie eben für die Tiere stehen, die üblicherweise in einem Stall untergebracht sind. Mit einem Blick auf unsere biblische Tradition können wir auch sagen, dass die beiden Tiere für die Verbindung zwischen hebräischer Bibel, unserem Alten Testament, und dem Neuen Testament stehen.
Schon beim Propheten Jesaja sagt Gott: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn“ (Jesaja 1,3). Wir können auch die Symbolebene wählen: Der Esel gilt als demütiges und dienendes Tier und kann damit schon auf Eigenschaften des neu geborenen Kindes, den Retter und Heiland Jesus Christus hinweisen. Parallel dazu steht der Ochse für ein typisches Opfertier und verweist so indirekt schon auf die Kreuzigungsgeschichte.
Wir können unsere Phantasie nutzen und die Weihnachtsgeschichte ausmalen, zum Beispiel mit einer Legende: Als Jesus mit Maria auf dem Weg nach Bethlehem war, rief ein Engel die Tiere heimlich zusammen, um einige auszuwählen, der Heiligen Familie im Stall zu helfen. Als Erster meldete sich natürlich der Löwe: „Nur ein König ist würdig, dem Herrn der Welt zu dienen“, brüllte er, „ich werde jeden zerreißen, der dem Kinde zu nahe kommt!“
„Du bist mir zu grimmig“, sagte der Engel.
Darauf schlich sich der Fuchs näher. Mit unschuldiger Miene meinte er: „Ich werde sie gut versorgen. Für das Gotteskind besorge ich den süßesten Honig und für die Wöchnerin stehle ich jeden Morgen ein Huhn!“
„Du bist mir zu verschlagen“, sagte der Engel.
Da stelzte der Pfau heran. Raschelnd entfaltete er sein Rad und glänzte in seinem Gefieder. „Ich will den armseligen Schafstall köstlicher schmücken als Salomon seinen Tempel!“
„Du bist mir zu eitel“, sagte der Engel.
Da kamen noch viele und priesen ihre Künste an. Vergeblich.
Zuletzt blickte der strenge Engel noch einmal suchend um sich und sah Ochs und Esel draußen auf dem Felde dem Bauern dienen.
Der Engel rief auch sie heran: „Was habt ihr anzubieten?“
„Nichts“, sagte der Esel und klappte traurig die Ohren herunter, „wir haben nichts gelernt außer Demut und Geduld: Denn alles andere hat uns immer noch mehr Prügel eingetragen!“ Und der Ochse warf schüchtern ein: „Aber vielleicht könnten wir dann und wann mit unseren Schwänzen die Fliegen verscheuchen!“
Da sagte der Engel: „Ihr seid die Richtigen.“
Ochs und Esel also als Vorbilder für Duldsamkeit und Humor, die zu Bescheidenheit und Demut führen? Anders als die mächtigen, starken, schönen oder gerissenen Tiere, die für ganz selbstverständlich halten, dass der Ruf des Engels ihnen gilt? Der schaut kritisch hin – und sieht, wie viel Egoismus sich hinter der scheinbaren Großherzigkeit der Hilfsbereiten versteckt. Damit ist die Geschichte ganz nah bei den Worten aus dem Propheten Jesaja (Kapitel 1, Verse 2b - 3, Zürcher Übersetzung).
„Der Herr hat gesprochen: Kinder habe ich aufgezogen und groß werden lassen, sie aber haben mit mir gebrochen. Noch immer hat ein Ochse seinen Besitzer gekannt und ein Esel den Futtertrog seines Herrn – Israel hat nichts erkannt, uneinsichtig ist mein Volk.“
Gott klagt über fehlendes Vertrauen und Uneinsichtigkeit. Gottes Vorwurf ist deutlich: Sogar Ochs und Esel sind schlauer als ihr – die kennen nämlich ihren Besitzer! Ochs und Esel wissen, wo ihre Futterkrippe steht. Sie wissen, wer sich um sie kümmert und wer sie versorgt. Ganz instinktiv bleiben sie bei ihrem Futtertrog und warten darauf, dass sie von ihrem Herrn was zu fressen bekommen.
Und die Menschen? Die haben das vergessen. Die bilden sich ein, mit Brüllen und Verschlagenheit und Eitelkeit alles zu bekommen, was sie wollen. Sie haben vergessen, wo sie wirklich satt werden und wer sie wirklich versorgt. Sie meinen, jeder könne für sich selbst am besten sorgen. Aber so wie Ochs und Esel vom Menschen abhängig sind, so sind Menschen von Gott abhängig. Nur wollen wir das eben oft gar nicht wahrhaben. Wir suchen uns lieber eigene Wege und wenn wir da scheitern, hängen wir uns an andere, die uns das Blaue vom Himmel versprechen. Hauptsache, es geht uns heute gut.
Wir vergessen, dass wir nicht alleine ins Leben gekommen sind und auf Dauer auch nicht alleine leben können. Wir vergessen oder leugnen unsere grundsätzliche Abhängigkeit. Wir tun viel dafür, uns abzusichern und uns zu versichern. Wenn Dinge sich dann verändern, werden wir nervös. Ob unser Planen und Sorgen auch genügt? Wir schauen mit Sorge darauf, ob wir auch genug haben und ob nicht andere mehr bekommen als wir. Wir meinen, alles dank unserer Kraft zu schaffen. Manchen fällt erst, wenn ihre Gesundheit oder ihr Lebensplan zerbricht, auf, dass letztlich alles, was wir sind und haben, geschenkt ist und dass wir Gott verdanken, dass wir am Leben sind. Gott versorgt uns. Gott schenkt uns Menschen an unserer Seite. Gott stillt den Hunger unserer Seele. Gott wird selber Mensch – damit wir verstehen, dass es nicht auf Macht und Gewalt ankommt in unserem Leben, sondern auf Liebe und Hingabe.
Wenn wir an der Weihnachtskrippe Ochs und Esel sehen, dann erinnern sie uns daran, dass Jesus Christus, Menschenkind und Gottessohn unser Heil ist. Er macht uns wirklich satt und sorgt für uns. Wir brauchen nichts Besonderes leisten oder besondere Fähigkeiten vorweisen. Auch wenn wir mit leeren Händen kommen, sind wir bei Jesus richtig. Auch das, was uns sorgt, hat hier seinen Platz. Auch unsere Ratlosigkeit und Zweifel sind hier aufgehoben. In Jesus Christus erfahren wir, dass wir auch mit denen zusammengehören, die uns fremd sind. Wir alle sind Menschen, als Gottes Kinder groß geworden. Gottes Heil schließt keinen aus, weder Menschen noch Tiere.
Wenn Weihnachten wieder vorbei ist, kann ich ins kommende Jahr dann hoffentlich den Humor des Ochsen mitnehmen. Ab und an mit meinen Worten ein paar Vorurteile entkräften oder den Ängsten einen Moment lang ihre Grundlage entziehen. Oder vom Esel den längeren Atem, die Ausdauer mitnehmen. Wie ein Esel zuverlässig und geduldig meine Arbeit machen und davon erzählen, dass Gott Mensch geworden ist, für uns alle. Dass wir uns deshalb miteinander einsetzen müssen für Frieden und Gerechtigkeit und den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Dies wird Weihnachten augenfällig: mit einem Kind in der Krippe, das von Ochs und Esel gewärmt und geschützt wird.