Im Angesicht des Kriegs gegen die Ukraine hat sich die Führung der Partei Bündnis 90/Die Grünen von manchem Dogma verabschiedet. Eines sollte sie noch über Bord werfen: die rigorose Ablehnung neuer biotechnischer Verfahren.
Angesichts des Angriffskriegs, den Russland gegen die Ukraine führt, sind viele Menschen sehr schnell mit sehr vielen sehr schlauen Rezepten zur Hand. Doch wie im richtigen Leben reicht ein „Man nehme“ längst nicht aus, um eine brauchbare Lösung aufzutischen. Es ist eben komplizierter. Wer internationale Hilfsprogramme unterstützen will, um die Versorgung hungernder Menschen in Afrika zu gewährleisten, der sollte eben nicht nur Millionenbeträge über den Tisch reichen können, der sollte auch sagen können, wo es das Getreide gibt, das damit gekauft werden soll. Wer die Beimischung von Bio-Sprit in Kraftstoffen unterbinden will, sollte auch berücksichtigen, dass dann möglicherweise an anderer Stelle Versorgungslücken gerissen werden; zum Beispiel bei Futtermitteln, wo Nebenprodukte wie Rapskuchen andere Eiweißquellen wie Sojaschrot gut ersetzen können. Wer verlangt, auf Fleisch zu verzichten, damit mehr Nahrung für die Menschen verfügbar ist, der sollte so ehrlich sein, anzuerkennen, dass der Mensch vieles von dem, was durch die Mägen von Nutztieren geht, gar nicht verzehren kann.
Wie eine ausreichende Versorgung aller Menschen auf dieser Erde gewährleistet werden kann, ist allerdings keine Frage, die uns nur in der Gegenwart zu beschäftigen hat. Die Menschheit muss sich unabhängig vom aktuellen Zeitgeschehen Gedanken darüber machen. Bis vor wenigen Wochen konnte sie noch stolz darauf sein, dass trotz wachsender Bevölkerung absolut immer weniger Menschen auf der Welt akut von Hunger bedroht waren. Der Grund dafür ist jedem bekannt, der sich mit Landwirtschaft auskennt: Es war die Leistungsbereitschaft und die Leistungsfähigkeit der Bäuerinnen und Bauern im Rheinland, in Deutschland, in Europa und überall auf der Welt. Diese konnten sie entfalten, weil ihnen die Wissenschaft immer wieder mit neuen Methoden geholfen hat, ihre Arbeit besser zu machen. Zugegeben: Manchmal wurden auch Irrwege beschritten und was gerne als „Stand der Technik“ bezeichnet wird, hat auch schon einmal ungelöste Problem im Schlepptau. Alles in allem hat die Forschung aber zu einer steigenden Lebensmittelerzeugung beigetragen und dabei auch die Nebenwirkungen immer mehr dezimiert.
Ein gutes Beispiel dafür ist der chemische Pflanzenschutz. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde arglos arsenhaltiges Patentgrün gegen den Kartoffelkäfer eingesetzt. Heute ist vor einer Anwendung jeglicher Mittel die Beachtung von Schadschwellen eine Grundvoraussetzung, ebenso die Ungefährlichkeit für Bienen. Allerdings werden die Spielräume immer kleiner. Einerseits entwickeln viele Schadorganismen mit der Zeit Resistenzen, in diesem Fall zum Beispiel gegen Pyrethroide. Andererseits finden sich für bis dahin bewährte Mittel keine Nachfolger, weil die Forschung und die Entwicklung neuer Wirkstoffe immer aufwendiger werden und für die Zulassung immer höhere Hürden zu nehmen sind. Wie viel einfacher wäre es doch, wenn sich die Pflanzen selbst zur Wehr setzen könnten! Dieser Gedanke ist nicht erst in der Welt, seit Gregor Mendel die Vererbungsgesetze entdeckt hat. Nur haben Generationen von Züchtern festgestellt, dass dies auch Generationen dauern kann. Schnellere Erfolge werden dagegen von neuen biotechnologischen Verfahren wie der Genschere CRISPR/Cas erwartet.
„Neue Züchtungstechnologien sind keine Allheilmittel, aber sie können signifikant zur nachhaltigen Ernährungssicherung beitragen“, erklärte vor wenigen Tagen erst Prof. Matin Qaim. Der Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn plädiert für eine offene Debatte darüber. Auch die EU-Kommission nimmt den Ball wieder auf und hat gerade eine Konsultation zu dem Thema gestartet. So viel Offenheit ist in den vorderen Reihen von Bündnis 90/Die Grünen, die mit Cem Özdemir und den drei Staatssekretärinnen das Führungsquartett im Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung stellt, bislang nicht zu spüren. Allerdings gibt es auch in dieser Partei Stimmen, die anders darüber denken. Im Angesicht des Krieges haben nicht nur Regierungsmitglieder aus dieser Partei sich von Positionen verabschiedet, die zuvor als unverrückbar galten (zum Beispiel die Einfuhr von Flüssiggas aus dem arabischen Katar oder die Lieferung von Kriegswaffen an die Ukraine). Mehr Zugänglichkeit wäre in diesem Punkt ebenso angebracht. Nicht weil neue Verfahren das Patentrezept sind, aber ein weiteres Instrument zur Bewältigung komplexer Herausforderungen.