Anhaltend wär schöner

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Zum Jahreswechsel werden die Zahlen auf den Tisch gelegt. Was die Bevölkerung kaum wahrnimmt: Die (wirtschaftlich) guten Zeiten haben für die Landwirtschaft nicht angedauert. Die guten Preise liegen oft Monate zurück. Wo sie gut geblieben sind, gleichen diese Ertrags- und Qualitätseinbußen kaum aus. Verlässlichkeit wäre nötig. Doch die kann Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir auch nach zwei Jahren im Amt nicht bieten. Dieser Tage ist wieder Zeit für Bilanzen und Rückblicke. Zum Beispiel auf der Hauptversammlung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Dort hat dies Dr. Arne Dahlhoff übernommen, der seit über einem Jahr deren Geschicke als Präsident führt. Laut Dr. Dahlhoff sind die Unternehmens- ergebnisse von buchführenden Betrieben aus NRW im Testbetriebsnetz erfreulich ausgefallen. Im Schnitt aller Betriebsformen konnten die Betriebe in unserem Bundesland ein klares Plus gegenüber dem Vorjahr verzeichnen. Und das, obwohl nicht nur die Anforderungen an sie, sondern auch ihre Produktionskosten gestiegen sind. So erfreulich diese eine Feststellung ist, so betrüblich ist die andere Feststellung: Was für das Wirtschaftsjahr 2022/23 zutrifft, wird sich wohl im laufenden Wirtschaftsjahr 2023/24 nicht wiederholen. So rechnet auch Dr. Dahlhoff damit, dass das gute Niveau nicht zu halten sein wird und wegen überdurchschnittlicher Betriebsmittelkosten die Betriebsergebnisse niedriger ausfallen dürften. Geringere Erträge und schlechtere Qualitäten aufgrund der wechselhaften Witterung während der Ernte dürften bei den meisten Feldfrüchten die Lage noch verschlechtern. So weit zur Situation in NRW. Bundesweit fällt die Bilanz genauso aus. Das geht aus dem Situationsbericht hervor, den der Deutsche Bauernverband (DBV) jährlich im Dezember vorstellt. Demnach sind nach schwachen Jahren die Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe zwar im abgelaufenen Wirtschaftsjahr 2022/23 gestiegen. Die Aussichten haben sich aber zwischenzeitlich wieder eingetrübt.

Wo diese Bilanzierungen in der Öffentlichkeit aktuell überhaupt Beachtung gefunden haben, dann regelmäßig mit dem Tenor, dass die Bauerneinkommen deutlich zugelegt und sie teils krasse Sprünge nach oben gemacht haben: im Durchschnitt um mehr als ein Viertel gegenüber dem Vorjahr, in Milchviehbetrieben sogar um mehr als die Hälfte. Schlagzeilen solcher Art blenden allerdings aus, dass diese Sprünge nicht der Normalfall sind und danach die Landung umso unsanfter ausfallen kann. Sie blenden zudem zwei weitere entscheidende Sachverhalte aus. Zum einen, dass ein erklecklicher Anteil des Ergebnisses nach wie vor aus Zuschüssen und Zulagen stammt; laut DBV-Situationsbericht bei einem durchschnittlichen Haupterwerbsbetrieb in den vergangenen drei Wirtschaftsjahren immerhin jährlich mehr als 40 000 €. Zum anderen, dass für den Bestand eines Unternehmens Investitionen nötig sind, um den Betrieb, wie er ist, mindestens am Laufen zu halten. Die haben im Wirtschaftsjahr 2022/23 aber nicht mit den Unternehmensergebnissen gleich gezogen und sind brutto wie netto nicht über einen Zuwachs im mittleren einstelligen Prozentbereich hi­­nausgekommen. Die Investitionszurückhaltung zeigt sich vor allem im Stallbau. Die Ursache liegt laut Bauernverband vor allem in Unsicherheiten über rechtliche Rahmenbedingungen. Solche Unsicherheiten verspüren allerdings nicht nur die tierhaltenden Betriebe. Sie sind auch Ackerbaubetrieben nicht fremd, sei es die Diskussion über die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln oder die Bewirtschaftungsauflagen in roten Gebieten. Dass er weder bei dem einen noch bei dem anderen Erfolge präsentieren kann, ist Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir sicher bewusst. Statt eine ellenlange Liste seiner vorgeblichen Erfolge zu präsentieren – wie man es von seiner Vorgängerin Julia Klöckner kannte –, wurde die Vorstellung der Bilanz zu seiner zweijährigen Amtszeit in der vergangenen Woche vor allem davon bestimmt, ob der Etat seines Ministeriums angesichts notwendiger Einsparungen im Bundeshaushalt ungeschoren davonkommt. Neue Ansätze, wie der Umbau der Tierhaltung gelingt, geschweige denn, wie er ihn finanzieren will, hatte er jedenfalls nicht im Gepäck. Man kann es Özdemir nachsehen, dass nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur unzulässigen Umwidmung von Coronamitteln auch er aktuell vor allem im Kopf hat, den Etat seines Hauses zu retten. Die Bäuerinnen und Bauern brauchen aber mehr. Sie brauchen verlässliche Leitplanken, um die Zukunft ihrer Höfe in die Hand zu nehmen. Ob Özdemir die Antworten dafür parat hat, wenn sein Haus eine Kleine Anfrage beantwortet, die von der Unionsfraktion im Bundestag letzte Woche gestellt wurde? Ich fürchte nicht. Deswegen tut gut daran, wer augenblicklich gute Wirtschaftsergebnisse vor allem dazu nutzt, um Eigenkapital zu bilden. Das lässt sich dann einsetzen, wenn Klarheit herrscht, wohin die Reise gehen soll.