Auf dass die Einlegegurke ein Einzelfall bleibe!

Die Stimmung unter den rheinischen Obst- und Gemüseerzeugern ist schlecht. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr passt die Witterung bis jetzt. Aber mit Wetterphänomenen haben die Obst- und Gemüseerzeuger umgehen gelernt.

Was der Handel bereit ist, für unter strengen Umwelt- und Sozialstandards erzeugte Lebensmittel zu geben, verschlägt vielen Erzeugern die Sprache. Peter Muß, Provinzialverband Rheinischer Obst- und Gemüsebauer

Anders sieht es jedoch mit diversen Problemen aus, die den Erzeugern immer mehr die Luft abschnüren. Die zunehmende Bürokratie belastet nicht nur finanziell durch die Einstellung von Bürokräften, sie belastet in zunehmendem Maße auch mental. So fühlen sich viele Betriebsleiter mittlerweile überwacht und durchleuchtet. „Big brother is watching you!“

Seit dem vergangenen Jahr sinkt die Zahl der arbeitswilligen Erntehelfer aus Osteuropa rapide, die Qualität hat stark nachgelassen. Saisonarbeitskräfte kommen und gehen, wann sie wollen. Für das vergangene Jahr gehen Schätzungen vom Fehlen von 25 % aller Erntehelfer aus. Schon zu Beginn der Spargelernte wurde klar, dass sich die Situation in diesem Jahr nicht verbessert. Dabei kann es wohl kaum an der Lohnhöhe liegen, denn der gesetzliche Mindestlohn von 9,19 €/Stunde müsste für Osteuropäer attraktiv sein. Trotzdem kommen Polen, Rumänen und Bulgaren nicht mehr zur Ernte nach Deutschland. In Polen ernten neben den Ukrainern mittlerweile Nepalesen, weil auch bei unseren Nachbarn Erntehelfer Mangelware sind. Die Bundesagentur für Arbeit hat den Auftrag, Vermittlungsabsprachen mit Staaten außerhalb der EU zu vereinbaren. Ob dies die Lösung des Problems bringen wird, bleibt abzuwarten. Denn Erfahrungen mit ukrainischen Studenten sind nicht immer positiv. Wenn sich Eltern von partywilligen, aber arbeitsunwilligen, ukrainischen Studenten zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen und dem deutschen Arbeitgeber den Zoll auf den Hals hetzen wollen, weil sich die Studenten unter der Erdbeerernte etwas anderes vorgestellt haben, läuft irgendetwas schief.

Ist die Ernte trotz aller Unwägbarkeiten eingebracht, muss sie auch noch vermarktet werden. Spätestens dann bekommen viele Obst- und Gemüseerzeuger angesichts der erzielbaren Preise Schnappatmung. Denn was der Handel bereit ist, für unter strengen Umwelt- und Sozialstandards erzeugte Lebensmittel zu geben, verschlägt vielen Erzeugern die Sprache. So fragt sich mancher Erdbeeranbauer, wie er mit einem Verkaufserlös von 1,05 € pro 500 g-Schale zu Beginn der Freilandsaison klarkommen soll. Da hilft kein Rechnen hin oder her: Es ist einfach zu wenig! Das Produkt „Erdbeere“ ließe sich durch jede andere Obst- und Gemüseart ersetzen. Halt, stopp! Eine Gemüseart können wir eigentlich schon nicht mehr als Beispiel anführen: die Einlegegurke! Denn die Einlegegurke, die noch vor gar nicht so langer Zeit auf einer Fläche von mehr als 1 000 ha im Rheinland angebaut wurde, wird nun auf weniger als 100 ha bei uns angebaut. Bei einem Arbeitszeitbedarf von circa 1 000 Stunden/ha konnten die rheinischen Gurkenanbauer wegen der um ein Vielfaches höheren Löhne nicht mit Berufskollegen aus Rumänien, der Türkei und Indien mithalten. Da auf den Gurkengläsern keine Angaben über den Ursprung der Rohware gemacht werden müssen, fällt ja niemandem auf, dass die Essiggurke im Glas eine weite Schiffsreise hinter sich hat.

Bei frischem Obst und Gemüse muss im LEH das Ursprungsland hingegen angegeben werden. Jeder Verbraucher kann also erkennen, wo der Spargel, der Porree und auch die Himbeere gewachsen ist, die er in seinen Einkaufswagen packt. Aber stimmt das wirklich? Bei Porree mit Herkunftsangabe „Deutschland/Niederlande“ könnte man ja noch vermuten, der Porree ist in der Grenzregion gewachsen. Das funktioniert allerdings nicht mehr bei Himbeeren, die aus „Deutschland/Portugal/Spanien“ kommen, wie Anfang Mai in einer Werbung eines namhaften deutschen LEH geschrieben wurde. Dabei ist das Angebot deutscher Himbeeren Anfang Mai verschwindend gering. Da die Verbraucher aber regionale Herkünfte bevorzugen, macht sich die Herkunft „Deutschland“ in der Werbung gut, auch wenn der Anteil der deutschen Ware minimal ist. Noch schräger wird es dann, wenn der Handel deutsche Herkünfte erst gar nicht ins Programm aufnimmt. Gibt’s nicht, denken Sie? Falsch! Ein Teil der Kirschen ist im vergangenen Jahr auf den Bäumen hängen geblieben, weil der Handel lange Zeit ausschließlich türkische Herkünfte im Programm hatte. Man habe ja auch eine soziale Verantwortung seinen türkischen Lieferanten gegenüber, so die Antwort des Handelsunternehmens auf eine Protestnote des Provinzialverbandes Rheinischer Obst- und Gemüsebauer.

Wenn der Einkauf für den Handel nicht wesentlich teurer als aus anderen Herkünften ist, finden wir mit regional erzeugtem Obst und Gemüse Gnade beim Handel, der die regionalen Erzeugnisse aber gerne zu einem höheren Preis verkauft. Da muss sich etwas ändern! Schon allein wegen der um ein Vielfaches höheren Löhne können die rheinischen Obst- und Gemüseerzeuger nicht mit Marokko, Spanien & Co. mithalten. Wenn die Verbraucher dauerhaft regionale Lebensmittel einkaufen möchten, muss der Handel umdenken. Sonst ist es bald vorbei mit Obst und Gemüse aus dem Rheinland und aus Deutschland! Die Einlegegurke sollte ein Einzelfall bleiben!