Welche Auswirkungen haben Krisen wie die Coronapandemie, der Krieg, die Inflation oder der Klimawandel auf die Ausbildungssituation? Mit dieser Frage beschäftigten sich rund 45 Ausbilderinnen und Ausbilder aus NRW bei der überregionalen Ausbildertagung auf Gut Havichhorst in Münster. Organisiert haben die Tagung die Landwirtschaftskammer NRW, der Ring der Landjugend, der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband sowie die Westfälisch-Lippische Landjugend.
„Mit Optimismus, Lösungsorientierung und Zukunftsplanung sollen Krisen gemeistert werden“, machte Dr. Wilhelm Siebelmann, Referent für Aus- und Fortbildung bei der Landwirtschaftskammer NRW, deutlich. Das stelle jedoch nicht nur die Auszubildenden selbst, sondern auch die Ausbilderinnen und Ausbilder sowie die Lehrerinnen und Lehrer an den Berufsschulen vor Herausforderungen.
Unternehmerische Kreativität ist gefragt
Peter Spandau, Fachbereichsleiter für Betriebswirtschaft, Bauen, Energie, Arbeitnehmerberatung bei der Landwirtschaftskammer NRW, gab einen Einblick in die wirtschaftliche Situation in den Ausbildungsstätten. Während die Leistung in vielen Betrieben in NRW in den letzten Jahren stark gestiegen sei, gehe das Einkommen zurück. „Für diese Entwicklung sind nicht allein die Coronapandemie oder der Krieg verantwortlich“, erklärte Spandau. „Man muss sich über die Situation im eigenen Betrieb Gedanken machen, überlegen, welche Perspektiven man hat und dann eine andere Richtung einschlagen“, fügte er hinzu. Neue Bereiche müssten nicht mehr zwingend etwas mit der Produktion von Nahrungsmitteln zu tun haben. Wichtig sei die Beobachtung der Verbraucher, bei denen es heute um Lifestyle und Freizeitaktivitäten gehe. Welche Richtung sich für den eigenen Betrieb eignet, müsse individuell überlegt werden. Wichtig sei, dass die unternehmerische Kreativität auch in die Ausbildung integriert werde.
Vor welchen Herausforderungen die Berufsschulen während der Coronapandemie standen, erklärte Bernhard Wagner, Berufsschullehrer am Berufskolleg in Kleve. Technisch habe der Unterricht über Microsoft Teams nach einigen Schulungen gut funktioniert. Die Herausforderung lag laut Wagner zu Beginn vor allem darin, dass jeder Auszubildende über ein gut funktionierendes Gerät am Unterricht teilnehmen konnte. Positiv sei, dass einige Ausbildungsbetriebe eingesprungen seien und die Auszubildenden von dort aus am Unterricht teilnehmen konnten. Nicht nur der Unterricht fand auf Distanz statt, auch Klassenarbeiten schrieben die Auszubildenden online. „Bei Microsoft Teams gibt es die Möglichkeiten, Fragebögen zu erstellen und den Schülerinnen und Schülern eine Zeitvorgabe zu geben. Die Fragen erscheinen außerdem in unterschiedlicher Reihenfolge, sodass Absprachen erschwert werden. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, erklärte Wagner. Ein Blick auf die Abschlussprüfungen zeige, dass die Coronajahrgänge in der Landwirtschaft im Schnitt besser abgeschnitten haben als die Jahrgänge davor. „In den Prüfungen wurde nichts einfacher gemacht. Die Auszubildenden waren ja auch während der Coronazeit in den Betrieben und daher voll ausgebildet“, betonte er. Dass die Noten besser waren, liege daran, dass die Schülerinnen und Schüler sehr diszipliniert waren und sich auch gegenseitig motivierten. Trotzdem kann laut Wagner der Distanzunterricht den Austausch im Klassenzimmer nicht ersetzen.
Vielfältige Herausforderungen in der Praxis
Georg Silkenbömer, Landwirt aus Asche-berg, berichtete über die Situation aus Sicht eines Ausbilders. „Probleme entstanden für uns vor allem durch die Führerscheinprüfungen, da die Auszubildenden sehr lange auf Termine warten mussten. Sie waren fast schon wieder weg, bevor sie den Führerschein hatten“, sagte Silkenbömer. Auch in der überbetrieblichen Ausbildung führte zum Beispiel der Ausfall von Lehrgängen dazu, dass keine Zwischenprüfung stattfinden konnte. Um mit verschiedenen Krisen umgehen zu können, sieht er die Ausbildung als wichtiges Fundament. Dabei solle man als Ausbilder nicht alles, was einem an der aktuellen Situation nicht gefällt, an den Auszubildenden weitergeben. „Man muss den jungen Leuten ein gewisses Maß an Sicherheit geben, um ihre Motivation hochzuhalten“, erklärte er. Darüber hinaus sei ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Ausbilder und Auszubildendem notwendig. „Man sollte den jungen Leuten auch etwas zutrauen und ihnen zum Beispiel Projekte ermöglichen, die sie eigenständig umsetzen können“, sagte Silkenbömer. Zum Abschluss betonte er, dass die Betriebe für die Ausbildung in der Branche gemeinsam werben müssen. „Aktuell haben wir in der Landwirtschaft noch gute Ausbildungszahlen, aber wir müssen am Ball bleiben.“
Saskia Wietmann