Bauern, Land – lesenswert

Foto: imago/Werner Otto

Wenn die Wochenzeitung „Die Zeit“ einem Buch mehr als ein paar Zeilen widmet, drückt das eine gewisse Wichtigkeit aus; zumal wenn das Buch nicht verrissen, sondern wohlwollend besprochen wird. Mich hat das Buch auch wegen seines Titels „Bauern, Land – Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang“ neugierig gemacht. Land, Leute, Landwirtschaft sind für mich als Journalist einfach ein zentrales Thema. Wenn zudem Kolleginnen und Kollegen der schreibenden oder berichtenden Zunft auf die eigene Leserschaft, deren Einstellungen und Sorgen blicken, steigert das das Verlangen reinzulesen noch mehr.

Vom Kleinen zum Großen und Ganzen

Bislang habe ich es keine Sekunde bereut, auch wenn ich noch nicht am Ende der mehr als 450 Seiten angelangt bin. Erstens bin ich kein Schnellleser und zweitens verdient es jedes einzelne Kapitel, dass man sich zurücklehnt und etwas länger darüber nachdenkt, was man gerade gelesen hat. Einerseits geht es um die Geschichte einer geflüchteten Bauernfamilie, die sich in den 1950er- Jahren in einem niedersächsischen Landstrich niederlässt, dessen Natur, Menschen und Möglichkeiten das umgebende Torf- und Moorgebiet prägt. Uta Ruge, die Autorin und Tochter dieser Familie, erzählt über die Ursprünge der Bauernsiedlung und über die Arbeiten und Ansichten ihres Bruders, Bauer auf dem Hof. Andererseits entspinnt die Autorin entlang der Hofgeschichte den Faden, wie Landwirtschaft geworden ist, was sie heute ist – im Kleinen, bestimmt von Wind, Wetter und Wasser vor Ort, und auch im Großen, bestimmt von der Agrarpolitik und deren Schaltzentralen in Brüssel und Berlin sowie den Märkten.

Was Ruge dabei besonders gelingt, das ist der persönliche Blick auf diese Themen, der sich aus der eigenen Erfahrung als Bauerntochter speist. Das sorgt für Glaubwürdigkeit. Wo es komplizierter wird, weil sie, bereits vom Hof weggezogen und auf anderen beruflichen Pfaden unterwegs, andere Entwicklungen nicht mehr selbst miterlebt hat, zieht sie ihren Bruder heran oder beweist beste Journalistenfertigkeiten im Recherchieren von Fakten und Ausleuchten verschiedener Standpunkte.

Vorurteile über Wölfe und Bauern

Zugegeben, ich habe mich dem Buch mit Vorbehalten genähert, als ich gelesen habe, dass die Autorin auch für die eher links angesiedelte Tageszeitung „taz“ gearbeitet hat. Die ist nicht gerade bekannt dafür, viel Gutes über die herkömmliche Landwirtschaft zu berichten. Doch es ist ein Verdienst der Autorin, nicht unreflektiert in das gleiche Horn wie ein vermeintlicher Mainstream zu blasen. Trotz der persönlichen Nähe wahrt sie die gebotene sachliche Distanz. So können sich Leser aus einem ländlichen genauso wie aus einem städtischen Umfeld ein eigenes Urteil bilden. Sicher teile ich nicht jede Schlussfolgerung zur Lage und dazu, wie sich Landwirtschaft orientieren könnte. Aber ich kann ihre Argumente nachvollziehen, sie sind allesamt zutreffend und bedenkenswert, auch wenn ich manche persönlich vielleicht anders gewichten würde. Aber gehört das nicht zu dem Diskurs dazu, den wir als Journalisten und wir als diejenigen, die selbst Landwirtschaft betreiben oder ihr nahestehen, führen müssen? Der lässt sich doch nur führen, wenn man um die Standpunkte anderer weiß und bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Das ist wohl auch die größte Leistung von Ruge, dass sie ihre persönliche Rolle – als Kind vom Land, das nun in einem städtischen Umfeld lebt – nutzt, um zwei Seiten, die oft wenig voneinander wissen, einen Blick auf ein und dasselbe Thema werfen zu lassen. Überraschendes liefert das Buch an vielen Stellen für beide Blickwinkel. Und oft legt es auch dar, welche Kluft im Verständnis der beiden Welten füreinander herrscht. Man muss nur folgenden Satz auf sich wirken lassen, mit dem Ruge die Reaktionen einiger Freunde in der Stadt beschreibt, als sie ihnen von den Wölfen in der Gegend ihres Heimatdorfs erzählt: „Und ich stelle fest, dass der Wolf heutzutage einen deutlich besseren Ruf hat als die Bauern und ihre Rinder.“

Mehr Brückenbauer

Um es auf den Punkt zu bringen: Uta Ruges Buch sollte jeder lesen, der heute mitreden will, wenn es um Landwirtschaft geht. Denn es ist für mich über jeden Verdacht erhaben, eine unverrückbare Weltsicht verbreiten zu wollen. Es überlässt es den Leserinnen und Lesern, selbst zu denken und zu schlussfolgern, und motiviert sie sogar, genau das zu tun. Deswegen braucht man vielleicht etwas länger fürs Lesen. An der Sprache liegt es nicht.

Schließlich gilt es,  noch auf einen anderen Aspekt hinzuweisen. Der hat nur mittelbar etwas mit dem Buch, aber unmittelbar mit seiner Autorin zu tun. Die Zahl der Bauernhöfe wird zwar Jahr für Jahr geringer und damit auch die Zahl der Menschen, die mit und von ihr leben. Außer Uta Ruge und mir gibt es aber Tausende, die auf Bauernhöfen herangewachsen sind, noch Beziehungen in die Landwirtschaft haben, aber ganz anderen Erwerben nachgehen. Von ihnen würde ich mir wünschen, dass sie sich öfter einmischen, wenn es um das Bild der Landwirtschaft geht. Denn sie bewegen sich ebenfalls oft in zwei Welten, deren Sichtweisen auf die Landwirtschaft auseinandergehen und wo es Brückenbauer in der Verständigung zwischen ihnen braucht. Uta Ruge tut es. ds