Besondere Berufswahl

Foto: privat

„Entschuldigen Sie bitte meine recht späte Antwort, aber wir sind momentan voll in der Weißkohl- und Sellerieernte“, schreibt Marc Dallmanns per E-Mail auf die Frage nach einem Gesprächstermin und ergänzt am Telefon: „Nächste Woche habe ich wieder Schule, da passt es besser.“ Der inzwischen 46-Jährige ist allerdings nicht Lehrer und Landwirt im Nebenberuf, sondern als Schüler an der Fachschule für Agrarwirtschaft Köln-Auweiler. Vor allem die beiden Jahre während der Berufsschulzeit sei es schon komisch gewesen zwischen den anderen Schülern. „Ich könnte ja deren Vater sein, und auch manche Lehrkräfte waren jünger als ich“, erzählt er.

Als absoluter Quereinsteiger hatte er aber auch mit dem Lehrplan zu kämpfen. In Zeiten des Lockdowns mit Online-Unterricht war es schon nicht leicht, „und dann hätte ich mir mehr Grundlagen gewünscht“. Für die Mitschüler, die vom Hof kommen, sei vieles klar gewesen, aber ohne damit aufgewachsen zu sein, war es für ihn manchmal nicht so leicht. Auch nicht mit zwei Jahren intensivstem Lernen: „Wer von klein an bei Papa oder Mama auf dem Trecker gesessen ist, der guckt den Boden an und weiß alles. Ich weiß erst mal gar nicht, was das für ein Boden ist.“

 

Ohne Vorurteile, aber mit Vorstellungen

 

Auch wie unterschiedlich die Ausprägungen des Berufs „Landwirt“ sein können, hat er erst im Laufe der Zeit gelernt. „Ich dachte früher, ein Bauer macht halt alles“, erklärt er. Vorurteile habe er nie gehabt „Wenn das Silo aufgemacht oder Gülle gefahren wurde, hat das für mich nach Freizeit, Urlaub und Abenteuer gerochen“, erinnert sich Marc Dallmanns an die Kindheit am Stadtrand Aachens, wo er direkt um die Ecke quasi die ersten Bauern von der Eifel gehabt habe. Ein romantisches Bild habe er aber schon gehabt. „Also jetzt nicht diese Rosamunde-Pilcher-Romantik mit englischem Landleben, das war mir schon klar. Aber mir wurde ganz schnell der Zahn gezogen, dass in Betrieben, die Angestellte brauchen – die haben ja auch eine gewisse Größe –, die Bäuerin mit Kopftuch dasitzt und Kartoffeln sortiert“, lacht er. Es sei eben eine Lebensmittelproduktion mit entsprechendem Maschineneinsatz. „Das war mir anfangs nicht bewusst“, gesteht Marc Dallmanns.

 

Rhabarber statt Musik

 

Wenn man wie er eigentlich keine Berührungspunkte mit der Landwirtschaft hatte – der Vater war bei der Bahn und die Mutter Verkäuferin –, überrascht die Berufswahl. Zumal Marc Dallmanns einen ganz anderen Lebensweg eingeschlagen hatte. Nach dem Abitur studierte er Musik, war in Köln, Aachen und zuletzt in Düsseldorf. Nach vier Semestern Klavier folgte dann der Kapellmeister, also Dirigent. „Mein Traum war es eigentlich immer gewesen, als Dirigent Karriere zu machen und viel Geld zu verdienen und dann einen Hof zu haben. Als junger Übermütiger dachte ich: Wenn du Geld brauchst, gehst du schnell mal raus und dirigierst“, blickt Marc Dallmanns zurück. Der Plan habe aber nicht so ganz hingehauen, er arbeitete dann an einer Musikschule als Klavierlehrer. „Es lag nicht an den Schülern und so, aber ich war irgendwie unzufrieden“, beschreibt er das Leben zu dieser Zeit.

Und dann kam Corona, die Musikschulen machten zu und Marc Dallmanns hatte keine Arbeit mehr. Neben dem Verdienstausfall traf ihn besonders, so viel zu Hause zu sitzen. Da habe ihm eine Freundin einen guten Rat gegeben: „Die suchen Erntehelfer, da kannst du Geld verdienen und bist an der frischen Luft.“ Er habe dann bei einem Landwirt in Dormagen, Jürgen Klein vom Goldberger Hof,  angerufen und stand zwei Tage später im Rhabarberfeld – für Wochen. „In dem Moment war das schön. Man war einer der wenigen, die draußen sein konnten, und man hat noch dazu Geld verdient. Ich wurde irgendwann knackebraun und durchtrainiert und meine lieben Freunde und Kollegen saßen zu Hause vor dem Computer und waren kreidebleich“, sagt Marc Dallmanns. Ihm sei aber auch klar gewesen, dass er nicht sein Leben lang Erntehelfer sein wollte. „Im Nachhinein würde ich sagen, es war lehrreich und hilfreich“, blickt er auf die Zeit, als er im Bett lag und die Hände nicht mehr schließen konnte, weil alles schmerzte.

 

Wie wird man Landwirt?

 

Doch der Gedanke keimte, in die Landwirtschaft einzusteigen. „Ich hatte aber keine Ahnung, wie genau man das macht“, betont der frühere Klavierlehrer. Darum griff er zum Telefonhörer und fragte bei der Landwirtschaftskammer nach – auch, ob er mit seinen damals 41 Jahren nicht schon zu alt sei für den Berufseinstig. Die Antwort machte ihm Mut: „Du wirst immer gebraucht!“ Als er mit seinem damaligen Chef Simon Klein, der gerade das Agrarstudium abgeschlossen hatte, darüber sprach, bot ihm dieser an, der erste Auszubildende zu werden. Gesagt, getan: Es wurde der Ausbildungsvertrag unterschrieben und bis zum Beginn des Ausbildungsjahres arbeitete Marc Dallmanns weiter im Betrieb. „Das war gut, ich konnte viel Erfahrung sammeln und war die ganze Zeit unter Leuten und draußen.“ Aber der Tagesablauf war ganz anders als im früheren Job. Dort konnte er länger schlafen, die Unterrichtsstunden fanden erst später am Tag statt. Nun galt es, jeden Morgen um 4 oder 5 Uhr aufzustehen, dann 12, 13, 14 Stunden in der Ernte zu arbeiten. Körperlich anstrengend im Vergleich zum Musikerleben.

Auf seine berufliche Kehrtwende habe er überraschenderweise nur positive Rückmeldungen bekommen. Als er sich selbst nicht sicher war, sprach ihm eine Freundin Mut zu: „Du hast keine Familie, bist alleinstehend. Was hast du zu verlieren? Wenn es nicht klappt, drehst du um und machst wieder das Alte, das ist auf jeden Fall ja noch da.“

Einen kleinen Schock erlebte Marc Dallmanns, als er in die Berufsschule ging. Dass die Mitschüler teilweise noch nicht einmal 18 Jahre alt waren, sei nicht das Problem gewesen, aber es habe ein ganz anderer Umgangston geherrscht. „Die sind mit Internet und so was groß geworden, ich kenn noch Wählscheibentelefon und nur drei Fernsehprogramme – da kam ich mir wirklich alt vor.“ Dank der Musik und dem Unterricht, den er gab, sei er immer in einem Lernprozess geblieben, sodass ihm das Lernen nicht so schwergefallen ist. Aber er hat die Erfahrung gemacht: „Wenn ich was tue, ist es gut. Wenn ich nichts getan habe, hab ich auch mal eine Fünf eingeheimst. Das hat sich nicht verändert“, vergleicht er die frühere Schulzeit und die Berufsschule. Ein bisschen Nachholbedarf vor allem in Mathe und Chemie gab es aber dann doch, weil das Abitur schon so lange her war. Jetzt an der Fachschule kann er sich besonders für den Pflanzenbau begeistern, sieht aber auch hier den Wissens- und Erfahrungsvorsprung der Mitschüler vom Hof. Den Englischunterricht nutzt er zur Auffrischung. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal mit über 40 anfange, über Grammatik nachzudenken: Aber das tut ja nicht weh“, meint er.

 

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