Bundesminister Cem Özdemir hat kurz vor Weihnachten die Eckpunkte vorgelegt, an denen die Bundesregierung eine künftige Ernährungsstrategie ausrichten will. Statt sich aufzuregen, sollte man das mit Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, denn neu ist das alles nicht.
Haben Sie es bemerkt, liebe Leserinnen und Leser? Ich gebe zu, mir ist es auch erst allmählich klar geworden. Unterschwellig hat sich in den vergangenen Monaten ein zentraler Begriff der agrar- und ernährungspolitischen Debatte gewandelt. Das Schlagwort „Wende“ ist scheinbar in verschiedenen Zusammenhängen nicht mehrheitsfähig. Spricht jemand von einer Wende, schwingt immer eine Abkehr von Gewohntem mit. So stößt man die vor den Kopf, die man braucht, um etwas anders zu machen. Man kann sie schließlich nicht austauschen. Man muss sie mitnehmen. Irgendwer muss schließlich umsetzen, was irgendwer sich zum Ziel gesetzt hat. Deshalb spricht heute kaum mehr jemand von einer Agrarwende. Alle reden von einer Transformation – also einer Veränderung. Aber, nur um es erwähnt zu haben, verändert hat sich Landwirtschaft seit jeher. Das braucht man nicht ausdrücklich von denen zu fordern, die sie betreiben.
Im Politikbetrieb der Hauptstadt Berlin gibt es allerdings mindestens einen Menschen, der nach wie vor unverdrossen am Wende-Begriff festhält. Es ist die Erfinderin der Agrarwende: Renate Künast. Sie hat es als erste Grüne auf den Chefsessel im Landwirtschaftsministerium geschafft. Dabei hat sie das Thema Lebensmittel – ihre Entstehung, ihre Vermarktung und ihre Verwendung – viel umfassender betrachtet, als die meisten ihrer Vorgänger, und das Bewusstsein dafür bei vielen geschärft. Das darf man ihr durchaus zugute halten; mehr aber auch nicht. Denn Künast ist sich in diesen Fragen einem ideologisch und kämpferisch geprägten Verständnis des Wende-Begriffs treu geblieben. So fordert sie seit Jahren auch eine Ernährungswende – mal aus Gründen des Klimaschutzes, mal, weil „die Art und Weise, wie wir unsere Lebensmittel erzeugen“ Grund für die Coronapandemie sei (so im Mai 2020 in einer Bundestagsdebatte).
Zwar dürfte schon Renate Künast in ihrer Ministerzeit die Eckpunkte ersonnen haben, die Amtsnachfolger Cem Özdemir nun als Basis für eine künftige Ernährungsstrategie der Bundesregierung vorgestellt hat. Gehört hat man die Forderung nach zum Beispiel mehr Bio und Regionalkost in den Kantinen, weniger Zucker, Fette und Salze in verarbeiteten Lebensmitteln oder eine stärker pflanzenbetonte Kost jedenfalls schon, als Künast 2001 ins Amt gekommen ist. Doch Özdemir geht in dem Punkt schlauer vor, als seine thematische Mentorin und lässt sich lieber über eine notwendige Transformation oder einen Umbau des Ernährungssystems aus – obwohl für ihn, wie für Künast, dahinter ein nicht minder radikales Ziel steht: der Umbau der Gesellschaft.
Lässt man den weltanschaulichen Aspekt außer Acht, ist es nicht einmal verkehrt, für eine gesündere Ernährung einzutreten. Denn ernährungsbedingte Probleme in bestimmten Bevölkerungskreisen sind nicht zu leugnen. Der Schwenk dürfte aber kaum gelingen, indem man die Menschen bevormundet. Selbst die Grünen dürften gemerkt haben, dass sie sich seinerzeit mit der Forderung nach einem Veggie-Day ein Bein gestellt haben. Umerziehung funtioniert eben nicht. Es sind vor allem zwei Dinge, die mehr Wirkung entfalten, weil sie die Überzeugungen der Menschen verändern: Fundamentalkenntnisse, wie Lebensmittel entstehen, was man mit ihnen macht und wie sie auf den Körper wirken, sowie die Orientierung an Vorbildern – den Eltern oder Leitfiguren der eigenen Lebenswelt. Es geht also um Wissen und ein gutes Gefühl. Allerdings braucht es auch einen langen Atem. Das zeigt das Jahrzehnte dauernde Engagement in Sachen Ernährungsbildung, auch der Landfrauen. Und es braucht die Einsicht, dass das Heil nicht in brachialen Änderungen der Ernährungsgewohnheiten liegt, sondern in einer ausgewogenen Kost, in der tierische wie pflanzliche Lebensmittel ihre Berechtigung haben. Nicht nur, weil es besser schmeckt, sondern auch, weil die Mischung für mehr Resilienz steht – also für mehr Widerstandsfähigkeit des gesamten Ernährungssystems.
Dass Özdemir kurz vor Weihnachten damit an die Öffentlichkeit gegangen ist, liegt sicher nicht nur daran, dass er die 1-Jahres-Bilanz seiner Amtszeit noch etwas aufhübschen wollte. Es ist wohl auch dem geschuldet, dass er damit für Gesprächs- und Diskussionsstoff auf der bevorstehenden Internationalen Grüne Woche in Berlin sorgen will. Danach ist es, so die Erfahrung, aber oft wieder still um vermeintliche Aufregerthemen.