Was sich Politiker und Interessenvertreter vielleicht wünschen, ist kein Königsweg für die Landwirtschaft als Ganzes. Das sagen selbst Vordenker des Ökolandbaus.
Liest man die Schlagzeilen, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass der Markt für Bioprodukte durch die Decke geht. Da ist zum Beispiel von zweistelligen Wachstumsraten die Rede. Auch die Corona-Pandemie hat ihr Scherflein dazu beigetragen, dass die Nachfrage im Vorjahr noch einmal deutlich gestiegen ist (siehe S. 9). Tatsächlich haben Lebensmittel mit Öko-Siegel den Massenmarkt schon seit einiger Zeit erreicht. Befördert hat die Entwicklung auch das staatliche deutsche Bio-Siegel. Vor annähernd 20 Jahren wurde es eingeführt. Geburtshelferin war vor allem die damalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Bündnis 90 / Die Grünen). Sie hat das Baby in den Folgejahren außerdem mit zweistelligen Millionenbeträgen aufgepäppelt, zum Beispiel für Kampagnen zur Bewerbung des Zeichens. Das hat die Nachfrage auf Verbraucherseite angeregt und geholfen, die Sache dem Lebensmittelhandel ebenso schmackhaft zu machen. Heute tragen offiziellen Zahlen zufolge mehr als 90 000 Produkte das freiwillige deutsche Bio-Siegel; noch mehr allerdings das verbindliche EU-Biosiegel. Obwohl mit Aldi, Lidl oder Netto Bioprodukte längst den Sprung in das Sortiment eines jeden Lebensmittel-Discounters geschafft haben, massentauglich ist Öko dennoch nicht. Auf der Nachfrageseite liegt dies nicht nur daran, dass das Segment den Nimbus nicht ganz loswird, etwas für Besserverdienende zu sein. Warum Bio in einzelnen Segmenten des Lebensmittelsortiments besser läuft (zum Beispiel Milch) als in anderen (zum Beispiel Fleisch), auch darüber lässt sich nur spekulieren.
Trotzdem: Mit nunmehr fast 15 Mrd. € (2019: 12 Mrd. €) gab 2020 die Verbraucherschaft in Deutschland für Lebensmittel aus Ökoproduktion so viel Geld aus wie nie. Das entspricht etwa 6,4 % am Gesamtmarkt. Davon träumte Renate Künast 2001 wahrscheinlich noch. Nicht erfüllt hat sich ihr Traum, dass 2010 20 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet werden. Knapp halb so hoch liegt der Flächenanteil mittlerweile. Das macht in 20 Jahren also einen Anteilszuwachs von etwas mehr als 6 % aus (Anteil Öko-Fläche an der LF 2001: 3,7 %). Und das trotz reichlich staatlicher Fördermöglichkeiten für den Einzelbetrieb und die Branche als Ganzes für Forschung, Information und Beratung! Die Förderung sollte man aber nicht pauschal infrage stellen. Denn teils kommen Erkenntnisse aus dem Bioanbau auch dort gerade recht, wo aus verschiedenen Gründen bisher gewohnte Praktiken auf dem Prüfstand stehen, etwa im Pflanzenschutz.
Dann wären da noch die höheren Erzeugerpreise von Ökoprodukten und der Einkommensabstand zwischen Öko- und konventionellen Betrieben. Immerhin haben im Wirtschaftsjahr 2019/20 ökologisch wirtschaftende Betriebe im Durchschnitt einen Mehrgewinn von nicht ganz 10 000 € je Arbeitskraft und Jahr gegenüber vergleichbaren konventionellen Betrieben erzielt, so Ergebnisse des Testbetriebsnetzes des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Dass bei Bäuerinnen und Bauern die Umstellungseuphorie dennoch nicht grenzenlos ist, liegt an der Vernunft, auch die Hemmnisse nicht auszublenden. Längst unterliegen die Erzeugerpreise bei vielen Ökoprodukten derselben vom Lebensmittelhandel gedrehten Preisschraube. Wer nichts Besonderes erzeugt, holt so auch nicht mehr heraus. Und Besonderes in der Vermarktung zu ersinnen und umzusetzen, was dann höhere Margen garantieren könnte, das ist schließlich auch nicht jedermanns Sache. Dass Öko also kein Königsweg ist, belegen die Testbetriebsergebnisse ebenfalls. Denen zufolge war der Gewinnabstand zugunsten von Ökobetrieben nicht immer so hoch wie im Vorjahr, und es gab sogar schon Jahre, in denen sie schlechter abgeschnitten haben.
Was die Perspektiven der Ökolandwirtschaft angeht, vertritt einer ihrer Vordenker, der Schweizer Agrarwissenschaftler Urs Niggli, im Übrigen eine interessante Sichtweise. Ihm zufolge wird die Biolandwirtschaft zwar noch bedeutend wachsen. Er rechnet aber damit, dass die Landwirtschaft einen dritten Weg einschlagen könnte – einen, bei dem die konventionelle Landwirtschaft „mit möglichst vielen Elementen des Ökolandbaus verheiratet“ werden müsse. Denn der Produktivität des Ökolandbaus misst er nicht das Potenzial bei, einmal zehn Milliarden Menschen zu ernähren. Bio für alle – damit dürfte es demnach also auch auf der Erzeugerseite kaum etwas werden.