Blasen platzen lassen

Kathrin Fries

Unter Gleichgesinnten erlebten sich die Teilnehmer der ASG-Herbsttagung. Doch wer auf einen Ansatz zum ganz großen Wurf gehofft hatte, wurde enttäuscht. Mit Erklärungsansätzen zur gesellschaftlich wahrnehmbaren Polarisierung wurde das Warum beleuchtet. Beim Blick nach vorne und der Frage, wie Zusammenhalt insbesondere auch zwischen Stadt und Land gestaltet werden kann, wurde allerdings klar, dass es sehr viele kleine und große Puzzleteile braucht, um das erhoffte Bild einer guten Zukunft für alle zum Leben zu erwecken.

 

Respektvolle Beziehungen bauen, gerade auch da, wo es Polarisierung gibt, ist ein großes Ziel. Viele nehmen zunehmende Spannungen zwischen „der Stadt“ und „dem Land“ wahr und das Gefühl der Menschen in ländlichen Räumen, von der städtisch geprägten Politik übersehen zu werden, führt zu einem Vertrauensverlust, der sich auch auf die demokratischen Strukturen auswirkt. Unzählige Beispiele könnten hier angeführt werden: Warum profitieren Dörfer nicht finanziell mehr davon, durch einen Windpark die Energie für die E-Autos der Städter zu liefern? Warum entscheidet jemand über Regeln zur Wolfspopulation, der noch nie ein totes Tier gesehen hat? Wer nimmt ernst, dass durch gestrichene Busverbindungen das soziale Leben eingeschränkt wird? Wen interessiert, wie schnell medizinische Hilfe erreichbar ist, ob der Pflegedienst trotz der weiten Anfahrt bis ins Dorf kommt und wie starre Ladenschlussgesetze die Chancen der lokalen Nahversorgung lähmen?

 

Wer für sein direktes Umfeld eine Lösung sucht, muss sich zunächst ehrlich mit dem Problem befassen, sei es bei der Frage nach Auswirkungen eines geplanten Windparks, bei leer stehenden Gebäuden und der Befürchtung, dass diese von Rechtsextremen gekauft werden, die dann mittelfristig das Dorf übernehmen, oder beim Erleben, dass die lokale Infrastruktur immer mehr wegbricht, und was das für verschiedene Bevölkerungsgruppen an Konsequenzen mit sich bringt. Im Rahmen der Herbsttagung des Vereins Agrar­soziale Gesellschaft (ASG) zeigte sich, wie wichtig eine durchaus auch mal hitzige Debatte ist, und wie ermutigend der Austausch mit denen sein kann, die vor ähnlichen He­raus­for­de­rungen standen oder auch noch stehen (siehe ab S. 64).

 

Gerade weil an so vielen Stellen Veränderung gefragt ist, verfallen manche in Passivismus: Hilft doch eh nicht. Was kann ich schon machen? Ein Stück weit ist es verständlich, dass jeder gespannt da­rauf wartet, wer den Knopf findet, mit dem am besten alles auf einmal gelöst werden kann: Mit einem Knopfdruck Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung beenden, das damit erreichte Plus auf der staatlichen Einkommensseite so verteilen, dass Infrastrukturen ausgebaut und Nachteile in der Daseinsvorsorge ausgeglichen sind. Damit eine Zufriedenheit in der Bevölkerung schaffen, die erlebt, dass ihre Bedürfnisse von der Politik auf allen Ebenen gesehen werden und entsprechend gehandelt wird – Pro­bleme und Lösungsideen nicht einfach „mal mitnehmen“, sondern angehen. Und damit wiederum den demokratiefeindlichen Bewegungen die Kraft entziehen, weil das Vertrauen in Politik wieder aufgebaut wird. Einen solchen Knopf fanden allerdings auch die engagierten Tagungsteilnehmer nicht. Die Traumblase platzen zu lassen, ist traurig, aber wichtig. Denn eine föderale Demokratie ist komplexer und wer populistisch formuliert einfache Lösungen verspricht, tut der Sache an sich keinen Gefallen. Deshalb aber gar nichts zu tun, wäre der falsche Schluss.

 

Ein besonders wertvoller Aspekt einer solchen Tagung ist es, dass gute Beispiele die Runde machen. Es muss ja nicht jeder das Rad immer wieder neu erfinden, wenn man einfach bei anderen Ideen und vor allem Tipps zur Umsetzung abschauen kann. Sei es beispielsweise bei der Dorfbewegung in Brandenburg (siehe S. 67) oder den nordrhein-westfälischen Siegerdörfern des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft 2025“. Diese werden am 8. November auf Haus Düsse feierlich ausgezeichnet. Die dann überreichten Urkunden, Ehrentafeln und Preisgelder sind für sie der sichtbare Lohn der Mühen. Andere damit inspirieren zu können, ist ein weniger sichtbarer, aber genauso lohnender Punkt.

 

Miteinander ins Gespräch zu kommen, und das auch über Trennendes hinweg, wird umso wichtiger, je mehr uns Algorithmen in sozialen Medien in unseren gesellschaftlichen Blasen halten. Ob bei unterschiedlichen politischen Ansichten oder bei unterschiedlichen Lebensumfeldern in Stadt und Land. Früher wurde dafür gerne das Bild des Brückenbaus bemüht, heute sind es Blasen, aus denen wir uns bewusst herausbegeben müssen. Das ist kein Selbstläufer und muss sich nicht immer gut anfühlen. Dazu dürfte den ASG-Tagungsteilnehmern ein Satz von Spargelanbauer Hinrich Niemann in Erinnerung bleiben: Demjenigen mit einer anderen Meinung offen begegnen – er könnte ja auch recht haben. Wer so in den Austausch geht und seine Blase platzen lässt, findet sicher viele kleine Stellschrauben, an denen Veränderung möglich ist, ohne auf den Knopfdruck im großen Stil zu warten. Wenn dann zur Erkenntnis noch die Handlungsfähigkeit kommt, kann Spannung ab- und Lebensqualität aufgebaut werden.