In der Schlachtbranche ist der Unmut über „die Politik“ groß. Schon zu Beginn der ersten Corona-Fälle gab es Hinweise aus den Schlachtbetrieben an die Politik, dass die Mitarbeiter der Schlachtbetriebe besonders gefährdet seien. Schließlich ist das wohl die letzte Branche in Deutschland, in der in geschlossenen Räumen sowohl an den Schlacht- wie Zerlegebändern das Personal nebeneinander an der Arbeit steht. Branchenführer Tönnies verwies frühzeitig – über seine Kontakte nach China – auf die Infektionsrisiken. Das war vor ein paar Wochen weder für Politik noch Medien ein Thema, als noch der Ernährungsnotstand in Deutschland drohte. Nach den hohen Infektionsraten bei Müller in Birkenfeld und Westfleisch in Coesfeld war mit der Schlachtbranche aber wieder der passende Buhmann gefunden: Minister Karl-Josef Laumann drohte dem „Sumpf“, Arbeits- und Unterbringungsbedingungen der Arbeitnehmer wurden auch in der Presse kritisch hinterfragt. Corona-Tests für alle Mitarbeiter im Fleischbereich wurden auch im Rheinland angeordnet, ebenso die sofortige Inspektion der Unterkünfte der Arbeitskräfte.
Das Ergebnis überrascht: Am Donnerstagnachmittag letzter Woche sah es im Rheinland gut aus. Bei der Firma Manten in Geldern wurden 424 Mitarbeiter beprobt (circa 40 waren im Urlaub oder aus anderen Gründen abwesend und werden nachbeprobt). 384 Ergebnisse waren in Ordnung, der Probenrest fehlte noch. Bei der Firma Manten in Olpe waren 120 von 150 in Ordnung, auch da standen noch Ergebnisse aus. Bei der Firma Siemes in Viersen war man ebenfalls zufrieden – 53 Resultate von 80 Proben lagen vor, mit ebenfalls „negativen“ und damit guten Ergebnissen. Von den Standorten in Wachtendonk, Kaldenkirchen und Düren war bis dato ebenfalls nichts Negatives zu erfahren.
Bis zum Wochenanfang lag anhand der weiteren Probenergebnisse kein weiterer coronapositiver Fall vor.
Die Westfleisch SCE hat mit über 4 300 Ergebnissen in Hamm, Bakum, Gelsenkirchen und Lübbecke ebenfalls kein Problem. Coesfeld blieb bis Dienstag dieser Woche erst einmal geschlossen. In Oer-Erkenschwick wurden seit Anfang April (zu Anfang noch in ganz geringem Umfang) immer wieder Infektionen festgestellt. Bis Freitagmittag waren dort 1 846 Mitarbeiter getestet – mit 54 zum Teil seit April positiven Ergebnissen und zwölf nicht eindeutigen Resultaten. Das bedeutet auch in der laufenden Woche deutlich reduzierte Schlachtzahlen. Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück stehen 7 000 Mitarbeiter zum Testen an. Das schaffte kein Gesundheitsamt auf Anhieb; die vorliegenden Ergebnisse sind auch in Ordnung.
Ein grundsätzliches Problem an Schlachtstätten gibt es definitiv nicht – und bei der Anhörung im Landtag wurde auch festgestellt, dass nach Auswertung der Bezirksregierungen die meisten Unterkünfte in Ordnung waren. Man würde sich freuen, wenn die Presse das auch einmal würdigen könnte. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan, seitdem Mitarbeiter – auch aus Osteuropa – knapp und gesucht sind. Ein Problem mit Leiharbeiterunterkünften gibt es aber, speziell auch am Niederrhein. Da wohnen viele, die täglich zur Arbeit in die Niederlande pendeln. Deren „Chefs“ sind dann für die Behörden diesseits schlecht zu greifen. Eine Problematik, die letztlich nur grenzübergreifend zu lösen ist.
Dr. Frank Greshake, Landwirtschaftskammer NRW