Das ist nicht nur Frauensache!

Kathrin Fries

Beim Thema Geburt fühlen sich in der Regel auch heute noch fast ausschließlich Frauen angesprochen – zu Unrecht. Denn nicht nur die jungen Mütter selbst brauchen mehr Unterstützung, sondern auch die untragbare Situation in diesem Teil unseres Gesundheitssystems braucht mehr Aufmerksamkeit von allen Seiten.

„Mir war irgendwie immer klar, dass ich das hinbekomme“, hatte Mara Walz, Jungunternehmerin in der familieneigenen Weingut-GbR im Stuttgarter Raum, den Teilnehmerinnen des ersten Erzählcafés (siehe S. 48) über das Kinderkriegen gesagt. Und es scheint, als würden sich darauf viele Akteure ausruhen – geht doch irgendwie, noch ist keins dringeblieben, andere haben noch schlechtere Bedingungen … Doch dass in Deutschland längst nicht mehr nur in abgeschiedenen ländlichen Regionen die Frage nach einem geeigneten Geburtsort werdenden Müttern Sorgenfalten auf die Stirn treibt, kann nicht mit einem Schulterzucken hingenommen werden!

Gerade in einer Situation, die für einen selbst komplett neu ist, in der man sich schutzlos und ausgeliefert, kraft- und willenlos vorkommt, sollte man jemanden an der Seite haben, dem man vertraut. Wenn das schon nicht die Geburtsstation der Wahl oder eine Hebamme ist, bei der die Wellenlänge stimmt, wer dann? Vielleicht könnte es zum sich glücklicherweise verändernden Rollenbild gehören, dass Väter sich nicht erst dann für die Kinder interessieren, wenn man „mit ihnen etwas anfangen“ kann. Es klingt nach einer verrückten Idee, aber was wäre denn, wenn der Mann wie selbstverständlich auch Teil des Wir-kriegen-ein-Kind-Teams wäre?

Das braucht allerdings Bereitschaft zur Veränderung – und das auf beiden Seiten. Denn es ist ja nicht unbedingt so, dass „Frauenthemen“ wie Geburtstraumata, anhaltende Blutungen, der geschundene Beckenboden, entzündete Brustwarzen und, und, und gerne in großer Runde und erst recht nicht mit Männern besprochen werden. Tabuthemen gibt es rund ums Kinderkriegen beileibe genug! Ganz zu schweigen von den noch sensibleren Themen wie Fehlgeburt, Abbruch, Wochenbettdepression oder ungewollter Kinderlosigkeit. Ob es Tierhaltern leichter fällt, da sie jobbedingt einen Bezug zum Thema haben? Zumindest gibt es wohl ein grundlegendes Verständnis für bestimmte Bedürfnisse. Doch von den trächtigen Kühen oder Sauen gelingt nicht jeder Rückschluss auf die eigene Familienplanung, wie einige der Teilnehmerinnen des Erzählcafés zu berichten wussten.

Auch Frauen müssen sich überwinden und den Männern gegenüber aussprechen, was los ist. Unsicherheiten, Überforderung, Hilflosigkeit, Bedürfnisse und Stimmungen sind einem nicht automatisch von den Augen abzulesen. Und ganz wichtig: Es ist kein Versagen, wenn man Unterstützung braucht! Diese Hilfe sollte man sich allerdings nicht erst erkämpfen müssen, weil Ärzte einen trotz Beschwerden nicht krankschreiben wollen, Kostenträger sich bei der Versorgung mit Helfern querstellen oder schlicht keiner da ist, der helfen kann.

Es braucht mehr gut ausgebildete Betriebshelfer, wenn Frauen Familienplanung und Betriebsführung zusammenbringen wollen. Es braucht mehr Individualität in der Beratung, weil gerade in der Landwirtschaft eben doch jede Situation anders ist. Es braucht Verständnis vonseiten der Familie, wenn junge Paare heute Dinge anders angehen, als „man das so macht“. Es braucht Lobbyarbeit nicht nur von Frauen, die das Thema beharrlich in die Politik tragen. Denn woher sollen die Betriebsnachfolger kommen, wenn keiner mehr auf dem Land Kinder kriegen möchte? Wer soll dafür sorgen, dass das Altenteil weiter besteht, wenn keine nächste Generation in diese Welt gesetzt wird? Und wer soll die Fahne der Landwirtschaft hochhalten, wenn die Familien auf den Höfen aussterben? Geburt ist eben tatsächlich nicht nur Frauensache. Denn wenn sich die Situation für werdende Mütter nicht ändert, werden immer mehr sich überlegen, ob sie wirklich Kinder bekommen möchten. Zumal mit all den Herausforderungen rund um die Geburt von institutioneller Seite ja längst nicht das Gröbste ausgestanden ist.

Noch viel zu tun also für die Landfrauen, aber auch für andere Interessenvertreter. Gemeinsam das Gewicht in die Waagschale zu werfen, kann so viel mehr bewirken. Das haben auch die Initiatoren der Erzählcafé-Aktion erlebt, denn durch die von ihnen angeregte Vernetzung von Hebammen, Gynäkologen und Schwangeren konnten im Rhein-Sieg-Kreis zwei neue Geburtsräume auf den Weg gebracht werden. Das macht Mut und zeigt, dass das Zusammentun auch bei diesem Thema hilft, sich einerseits in der Presse und bei der Politik Gehör zu verschaffen und andererseits auch konkret etwas zu tun.