Das Passionsspiel verbindet

Foto: Passionsspiele Oberammergau 2022/Gabriela Neeb

1634 fanden die Oberammergauer Passionsspiele zum ersten Mal statt. Um die Pest zu vertreiben, hatten die Bürger im oberbayerischen Oberammergau gelobt, alle zehn Jahre das Leben und Sterben von Jesus Christus aufzuführen. Eigentlich wäre 2020 Passionsjahr gewesen, doch coronabedingt wurden die Passionsspiele auf 2022 verschoben. In über 100 Vorstellungen zwischen Mai und Oktober werden die letzten fünf Tage im Leben von Jesus bis zu seiner Kreuzigung in einem fünfeinhalbstündigen Stück im Passionstheater Oberammergau inszeniert.

Es spielen rund 1 200 Laiendarsteller und Laiendarstellerinnen aus dem Ort mit, an einem Abend sind es bis zu 800. Florian Maderspacher ist einer von ihnen. Der 26-jährige Landwirtssohn und Medizinstudent stand mit fünf Jahren das erste Mal auf der Bühne. „Mit meiner Tante spielte ich damals beim Volk mit“, erzählt er. In diesem Jahr hat Florian zum ersten Mal eine Sprechrolle – die eines Hohepriesters. Die Hauptrollen sind doppelt besetzt, dadurch hat Florian Maderspacher nur zwei- oder dreimal pro Woche eine Aufführung. Vor fast zwei Jahren begann der Oberammergauer sich Haare und Bart für seine Rolle wachsen zu lassen. Sechs Monate lang dauerten die Proben. In den über drei Monate der Aufführungen dreht sich fast alles im oberbayerischen Oberammergau um die Passionsspiele. Es verbindet die Dorfbewohner in dem Ort mit rund 5 000 Einwohnern. „Da herrscht dann eine ganz besondere Atmosphäre“, beschreibt es Florian Maderspacher.

Neben den Darstellern helfen an die 2 000 Menschen hinter den Kulissen. Viele arbeiten während der Zeit Teilzeit oder nehmen Urlaub. Florian Maderspacher hilft nebenbei seinem Vater Peter und Onkel Ernst, die einen landwirtschaftlichen Milchviehbetrieb führen, den Hof trotz der Passionsspiele am Laufen zu halten. Denn auch Vater und Onkel machen bei den Passionsspielen mit. Peter Maderspacher ist für den Umbau der Bühnenbilder verantwortlich, Ernst Maderspacher spielt Trompete im Orchester. Die beiden betreiben ihren Milchviehbetrieb mit 75 Milchkühen und Nachzucht im Nebenerwerb. Morgens versorgen sie die Tiere, danach gehen sie zur Arbeit, der Vater als Polier, der Onkel ist Leiter im Bauhof.

Jede Aufführung dauert mit Pausen rund neun Stunden. Die Vorstellungen beginnen um 14.30 Uhr, unterbrochen von einer dreistündigen Pause. Dann heißt es für die Maderspachers: Zurück auf den Hof! „Zum Grasmähen, Melken, Füttern, Ausmisten, alles was eben so dazugehört“, erklärt Florian Maderspacher, der mithilft, wo er kann. „Während der Passionsspiele ist Oberammergau im Ausnahmezustand“, gesteht er.

Petra Jacob