In allen Haltungsabschnitten bei Rindern gibt es unerwünschte Verhaltensweisen. Gesundheitliche Schäden sind nicht immer direkt absehbar, wie zum Beispiel beim gegenseitigen Besaugen – das Verhalten irritiert dennoch. Zungenschlagen, Harnsaufen oder Lecksucht werden im Zusammenhang dazu mit mangelnder Spurenelementversorgung oder ungenügender Futterstruktur diskutiert. Bei Versuchen an der HfWU reduzierte sich das gegenseitige Besaugen bei Tränkekälbern bereits durch eine Traubenzuckerzugabe.
Gleichzeitiges Beschäftigen und Putzen
Bei Kälbern wird seit Längerem Spielzeug zur Beschäftigung eingesetzt – bei älteren Rindern, Mastbullen oder Milchkühen ist dieser Gedanke neu. So standen zum Beispiel in einer Studie den Kälbern in einem Fresseraufzuchtbetrieb in Baden-Württemberg, die in 60er-Gruppen gehalten werden, angetriebene Putzbürsten zur Verfügung. Diese wurden gerne genutzt und liefen pro Stunde durchschnittlich 50 Minuten. 52 % der Zeit nutzten die Kälber die Bürste dabei gemeinsam, teils zu dritt oder zu viert.
Beschäftigung und Körperpflege sind bei Rindern nicht klar voneinander abzugrenzen. Neben den angetriebenen Putzbürsten wurden innerhalb der Studie vier unterschiedliche Beschäftigungsmaterialien angeboten, die zudem permanent oder nur zeitweise verfügbar waren. Das Fazit ist eindeutig: Kein Angebot konnte mit der hohen Nutzungsfrequenz der angetriebenen Putzbürste mithalten. Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass Körperpflege- beziehungsweise Kratzangebote attraktiver sind als reine Beschäftigungsangebote.
Gegenüber der angetriebenen Putzbürste punkteten Kratzmatten mit niedrigen Investitions- und Betriebskosten und einfacher Montage. Sie lassen sich zudem einfach reinigen und desinfizieren. Untersuchungen bei Mastbullen zeigten, dass die Tiere die Matten regelmäßig nutzten. Dabei hatte die Anzahl der Tiere je Bucht und Alter sowie Gewicht einen Einfluss darauf, wie widerstandsfähig die Oberfläche beim Benutzen war. Die Tiere nutzten im Vergleich die angebotene einfache Putzbürste mit 56 % Auslastung jedoch deutlich lieber als die Kratzmatte mit 26 %.
Favorisiertes Spielzeug
Ein besonders innovativer Milchviehbetrieb baute im Rahmen des Projekts „EIP agri Bauen“ in der Rinderhaltung einen zentral im Stall angeordneten Kuhspielplatz. Dort hingen an einer einfachen Seilkonstruktion diverse Beschäftigungsangebote. Die Fläche wurde mit einem Entmistungsroboter gereinigt. Wie die Erfahrung zeigt, nehmen Kühe gerne Knabberholz an, dies ist aber arbeitswirtschaftlich nicht leistbar. Interessanter als einen einfachen Gummistreifen zum Herumspielen fanden die Tiere eine Bürste an einem Holz. Die beste Variante war hingegen eine gelochte Tonne mit Salzleckstein. Diese wurde zuvor mit Heu getestet, ist jedoch aufgrund der hohen Akzeptanz dauerhaft nicht realisierbar: Bereits nach wenigen Minuten war die Heutonne leer geknabbert.
Pfiffiges Heukarussell
Eine weitere Neuheit für die Kühe war das Heukarussell. Die Idee stammt ursprünglich aus der Pferdehaltung, bei der es allerdings eher darum geht, die Tiere zu mehr Bewegung zu animieren. Beim Testeinsatz auf dem Laufhof der Milchkuhherde zeigte sich jedoch: Das Interesse der Kühe an den Heutonnen war so groß, dass sie darüber das Melken vergaßen. Entsprechend installierten die Betriebsleiter das System vor den AMS – mit erstaunlichem Erfolg. Denn so konnte das Heukarussell auch einen Beitrag dazu leisten, die Tiere gezielt in den Wartebereich zu locken. Wartenden Kühen war es möglich, sich zu beschäftigen, anstatt sich eventuell gegenseitig zu verdrängen. Um dieses Potenzial optimal zu nutzen, baute der findige Landwirt eine hydraulische Absenkung ein. So konnte zu Zeiten geringer AMS-Auslastung ein zusätzlicher Anreiz gesetzt werden, um in den Melkbereich zu gehen. Die Kühe reagierten bereits auf das akustische Signal durch die Hydraulik. Inzwischen wurde das Heukarussell in die vorhandene Steuerung der Firma Lock integriert. Es gibt zwar eine zeitintervallgesteuerte Funktion, darüber hinaus kann jedoch per App die Verfügbarkeit des Beschäftigungs- und Lockangebots tagesindividuell gesteuert werden.
Besonders bei Betrieben, die das automatische Melken mit Weidegang kombinieren, könnte der innovative Ansatz zur Funktionssicherheit des Systems beitragen.
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