In Deutschland leben 6,2 Mio. Erwachsene, die als sogenannte funktionale Analphabeten gelten. Sie können kaum lesen und schreiben. Einer von ihnen ist Uwe Boldt. Doch er holte sich Unterstützung. Heute hilft der 65-Jährige auch anderen Betroffenen und macht durch Öffentlichkeitsarbeit auf das Tabuthema aufmerksam.
Wieder und wieder drehte Uwe Boldt an diesem Tag im Jahr 2000 seine Runden um das „Alfa-Mobil“, das auf einem Marktplatz an seinem Wohnort Station machte. Es war mit einer mobilen Alphabetisierungs-Initiative deutschlandweit unterwegs, um Erwachsenen, die besser lesen und schreiben lernen wollen, Wege aufzuzeigen, Vorurteile abzubauen und über Analphabetismus zu informieren. Uwe Boldt schaute sich das rege Geschehen am Informationsstand zunächst aus sicherer Entfernung an. Er wartete, bis es hier langsam ruhiger wurde, nahm all seinen Mut zusammen und ging hin. Der damalige Mitarbeiter Timm Helten begrüßte ihn freundlich. Der Diplom-Pädagoge informierte ihn in einem vertraulichen Vier- Augen-Gespräch darüber, dass es an der Volkshochschule (VHS) Kurse für Erwachsene gäbe, die besser lesen und schreiben lernen wollen.
„Ich war erst skeptisch, ob eine Volkshochschule tatsächlich das Richtige für mich war, meldete mich aber an“, blickt Boldt zurück. Heute ist er selbst „Lernbotschafter“ und steht am Alfa-Mobil, um anderen Betroffenen Mut zu machen. „Ich erkenne schon von Weitem, wenn einer da ist, der unsicher um das Fahrzeug herumläuft und sich nicht traut, näherzukommen. Dann spreche ich ihn an. Manchmal ist die Scham einfach zu groß, sich zu outen, oder man befürchtet, bloßgestellt zu werden“, weiß er aus eigener Erfahrung. Aber der Reihe nach.
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