Jede Gewerkschaft will, dass ihre Mitglieder mehr in der Tasche haben. Das gehört zu ihrem Auftrag. Doch sie sollten nicht an dem Ast sägen, auf dem ihre Mitglieder sitzen. Sie sollten auch Verantwortung dafür tragen, dass der Ast Früchte trägt, von dem sie leben.
Vor gut einer Woche hat die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, kurz IG BAU, schon mal Pflöcke eingerammt für die Tarifverhandlungen, die Ende des Monats starten. Satte 15 % mehr Lohn fordert Christian Beck, der im Vorstand der Gewerkschaft für Landwirtschaft zuständig ist. Das wäre schon ein ganz kräftiger Schluck aus der Pulle – gerade wenn man mal auf die aktuellen Abschlüsse in anderen Branchen schaut, die wie die IG BAU im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengeschlossen sind. So sollen zum Beispiel die Schlosser in NRW ab Januar kommenden Jahres in zwei Schritten 4,1 % mehr erhalten. Auf 5,9 % in zwei Schritten haben sich Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter für die Beschäftigten in der hiesigen Baustoffindustrie geeinigt. Für die Beschäftigten im Bereich Eisen und Stahl soll es verbunden mit einer Beschäftigungsgarantie dagegen sogar nur 1,75 % mehr geben.
Daran hat sich die IG BAU offenbar nicht orientiert. Vielmehr will sie in der Land- und Forstwirtschaft höher hinaus. So wie die Gerüstbauer, die wie die Beschäftigten in der Landwirtschaft von ihr vertreten werden. In den Tarifverhandlungen für den Sektor hat die IG BAU nur wenige Tage, bevor sie mit ihrer Forderung für die Landwirtschaft an die Öffentlichkeit gegangen ist, eine Lohnerhöhung von 11,9 % ausgehandelt. Nun ist es ja bekannt, dass vor solchen Runden die Latte erstmal ganz hoch gelegt wird, um dahin zu kommen, wo man wirklich hinwill. Der Tarifabschluss der Gerüstbauer dürfte jedenfalls für die IG BAU durchaus der Maßstab sein.
Ein gerechtfertigter Maßstab ist er nicht. Denn die IG BAU argumentiert, wie nahezu jede Gewerkschaft, damit, dass sich ihre Klientel „höheren Mietpreisen und steigenden Energiekosten“ gegenübersieht. Dafür bräuchten die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer „einen dickeren Geldbeutel“. Der grundsätzliche Trend ist nicht von der Hand zu weisen. Bezweifeln muss man aber dessen Stärke. Einerseits haben die Bruttobarlöhne in der Landwirtschaft von 2013 bis 2023 bereits um 25 % zugelegt. Das errechnet sich aus Daten des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Zum anderen hat der Tarifabschluss von 2023 bereits eine üppige Steigerung gebracht. Die IG BAU schreibt damals wörtlich: „An der aktuellen Vergütung von Facharbeiter*innen berechnet, bedeutet der Tarifabschluss der Bundesempfehlung Landwirtschaft im Volumen der Prozenterhöhungen sowie Einmalzahlungen insgesamt mehr Geld von 10 %!” Dagegen steht ein Anstieg des Verbraucherpreisindex in Deutschland von 93,1 % in 2013 auf 119,3 % in 2024 – also in Summe von knapp 26 Prozentpunkten – und eine aktuelle Inflationsrate von 2,4 %.
Sieht man von Ausnahmejahren wie den Wirtschaftsjahren 2021/22 bis 2023/24 ab, folgen die Gewinne der landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe dieser Entwicklung bei Weitem nicht; gegenwärtig sind sie quer durch die landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Produktionszweige sogar mehrheitlich im Sinkflug begriffen. Ackerbaubetriebe in Nordrhein-Westfalen würden vielleicht noch eine Steigerung im Personalaufwand von 45 €/ha verkraften, die mit einer Lohnsteigerung um 15 % einhergehen würde. Für Gartenbaubetriebe in NRW würde sich ausgehend von Testbetriebsnetzdaten dagegen im Durchschnitt eine Mehrbelastung von 2 500 €/ha ergeben. Das Risiko, sich daran zu verschlucken, ist enorm – wenn man einmal dieses Bild dafür bemühen darf, dass es besonders bei ihnen ans Eingemachte geht, müssten sie neben einer Erhöhung des Mindestlohns auch noch derartige Steigerungen bei den Tariflöhnen verkraften.
Allerdings steckt die Branche in einem Dilemma. Will sie attraktiv sein für dringend benötigte Fachkräfte, kommt sie an attraktiven Löhnen nicht vorbei. In der Mehrheit dürften die Betriebe sicher bereit sein, am Gehalt zu drehen, wenn sie es leisten können und Lohnsteigerungen auch für mehr Produktivität oder Effizienz sorgen. Hier müssen sich die Gewerkschaften, nicht nur die IG BAU, einmal an die eigene Nase fassen. Denn genauso wie sie Verantwortung für ihre Mitglieder tragen, tragen sie Verantwortung für die gesamte Branche. Die Rechnung ist einfach: Geht die Branche in die Knie (weil mangelnde Wettbewerbsfähigkeit sie zum Aufgeben zwingt), haben ihre Mitglieder gar nichts von überzogenen Forderungen. Stattdessen sollten die Gewerkschaften sich mit dafür ins Zeug legen, dass die jeweiligen Branchen wettbewerbsfähig bleiben. Das muss nicht auf ganz niedrige Tarifabschlüsse wie in den anfangs genannten Beispielen hinauslaufen. Die IG BAU könnte ganz konkret ihr politisches Gewicht in die Waagschale werfen, um Wettbewerbsnachteile für Landwirtschaft und Gartenbau im Inland aus dem Weg zu räumen: zum Beispiel bei den Energiekosten, den Soziallasten für Saisonkräfte aus EU- oder Drittstaaten oder beim Pflanzenschutz. Sonst bleibt ihren Mitgliedern der Schluck aus der Pulle irgendwann vielleicht im Halse stecken.
Parallel zum Redaktionsschluss der gedruckten LZ-Ausgabe hat die IG BAU den Abschluss von Tarifvereinbarungen für Lohnunternehmen gemeldet. Der Abschluss sieht rückwirkend zum 1. April 2025 für landwirtschaftliche Fachkräfte (Lohngruppe 3) ein Plus von 10,3 % vor bei einer Laufzeit von 18 Monaten.