In Düsseldorf konferierte NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser mit Vertretern der Waldwirtschaft und mit Wissenschaftlern zum Thema „Der Wald im Klimastress“
Die Wälder der Erde bedecken etwa 3 500 Mio. ha Land. Mehr als die Hälfte der Waldflächen, circa 57 %, liegen in sogenannten Entwicklungsländern. Bei dem dort vorkommenden Wald handelt es sich zum großen Teil um tropischen Regenwald. Die Waldflächen weltweit nehmen stetig ab, was auf Wetterextreme, Borkenkäfer und Co. zurückzuführen ist.
Vielfältige Funktionen
Heinen-Esser stellte die Wälder Nordrhein-Westfalens in ihrem Grußwort zum Auftakt der Konferenz als bedeutende Klimaschützer dar. Wälder erfüllten Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen. „Die Leistungen des Waldes für die Allgemeinheit müssen mit Blick auf den Klimawandel sichergestellt und besser honoriert werden“, so die Ministerin. Der schlechte Zustand des Waldes sei ein klares Alarmzeichen. Dass sie Ende des Monats den schlechtesten Waldzustandsbericht seit Beginn der Erhebungen vorstellen müsse, ginge ihr persönlich nahe.
Die Meinung, dass der Zustand des Waldes als „dramatisch“ beschrieben werden müsse, teilte auch Philipp Freiherr Heereman, Vorsitzender des Waldbauernverbandes NRW. Während er dafür plädierte, „in der Forstwirtschaft jetzt nicht alles über Bord zu werfen“, und sich dafür aussprach, den Fokus auf Schaffung klimaresistenter Mischwälder zu legen, forderten Naturschutzverbände, den Wald stärker sich selbst zu überlassen.
Hans Joachim Schellnhuber, Mitglied des Weltklimarats und einer von Deutschlands führenden Klimaforschern, mahnte an, dass Wissenschaftler bereits vor 20 Jahren auf die Problematik hingewiesen hätten. Aber die Reaktion sei immer gewesen: „Keine Panik!“ Erst jetzt verbreite sich unter den Menschen langsam die Einsicht, dass die Lebensgrundlagen der Menschheit ein zerbrechliches Gut sind. „Auch viele Politiker erkennen heute erst das Ausmaß der Probleme, die der Klimawandel verursacht und zukünftig noch verursachen könnte“, so der Wissenschaftler. Er warnte davor, dass der menschliche Einfluss auf das Klimasystem sprunghafte und teilweise unumkehrbare Entwicklungen anstoßen kann. Als Beispiel für ein solches „Kipp-
element“ führte er den grönländischen Eisschild an. Die menschengemachte Erwärmung des Klimas in der Region führe dazu, dass der kilometerdicke Eisschild unaufhaltsam zerrinne und den Meeresspiegel um bis zu 7 m ansteigen lasse.
Ökosysteme als Verbündete
Der Amazonas-Regenwald und die Borealwälder seien etwas weniger anfällige Kippelemente. Bei einer globalen Erwärmung seien aber auch sie größerer Hitze und Trockenheit ausgesetzt. „Die Brandgefahr steigt, die Bäume pflanzen sich schlechter fort und werden anfällig für Krankheiten und Schädlinge“, erklärte Schellnhuber. Der studierte Physiker bezeichnete funktionierende Ökosysteme als „unsere Verbündeten und einzig wahren Freunde im Kampf gegen den Klimawandel“. Wolle die Gesellschaft die Wälder künftig noch nutzen, so sei die Diskussion über eine Honorierung für die Ökosystemleistung des Waldes überfällig. Er sieht die Lösung in einer „Mosaikstruktur“. Also „Mini-Dschungel“, in denen der Wald sich selbst regenerieren kann, im Wechsel mit intensiver Bewirtschaftung durch den Menschen. Schellnhuber bezifferte die Chance, dass die Weltgemeinschaft in Sachen Klimaschutz noch die Kurve bekommt, auf gerade einmal 19 %. Der Wald sei dabei eine entscheidende Stellschraube. „Wir können es uns nicht leisten, ihn zu verlieren“, schloss er. Tina Ziemes