Die Milcherzeuger nicht verprellen!

Dr. Elisabeth Legge

Eigentlich sieht es momentan nicht schlecht aus für die Milcherzeuger. Der Abwärtstrend bei den Milchpreisen ist vorbei. Seit September ziehen die Preise
wieder an. Der Strukturwandel in der Milchviehhaltung geht aber dennoch weiter.
Ein Jahr ist es her. Im November 2022 war es. Da zahlte manche Molkerei ihren Milcherzeugern 60 Cent/kg Milch aus. Ein Rekordpreis, den keiner im Vorfeld für möglich gehalten hätte. Aber ein knappes Angebot und eine zunehmende Nachfrage machten diesen Traumpreis dann tatsächlich möglich. Nach dem Preishoch im November 2022 gingen die Milchpreise wieder zurück. Steigende Preise für Nahrungsmittel und Energie drückten die Kauflaune, zugleich zog die Erzeugung an. Es gab einen regelrechten Preissturz von immerhin
16,5 Cent/kg (siehe Interview auf S. 16). Seit September hat sich der Milchmarkt wieder gefangen und die Preise stabilisieren sich und ziehen weiter an.
Also keine schlechten Nachrichten für die Milcherzeuger. Aber selbst im Rekordjahr 2022 ging der Strukturwandel weiter. Und inzwischen ist die Zahl der Milcherzeuger in NRW erstmals unter die Marke von 5 000 gerutscht. Denn es gibt einiges, was den Landwirten die Lust auf die Milcherzeugung vermiest:
Kosten: Nach wie vor sind die Milcherzeuger wie auch alle anderen Landwirte mit hohen Kosten für Energie, Diesel und Düngemittel konfrontiert. Auch wenn sich die Kostensituation im Vergleich zum Vorjahr verbessert hat, bleibt es knapp. Unter Vollkostengesichtspunkten dürfte kaum Gewinn zu erwirtschaften sein.
Bürokratie: Der Bürokratiewust will nicht aufhören. Obwohl immer wieder bekundet wird, man wolle Bürokratie abbauen, ist das wohl eher nicht der Fall. Im Gegenteil: die Rinderhalter sind jetzt zum Beispiel auch mit dem Antibiotikamonitoring konfrontiert. Damit nicht genug, warten die Molkereien selber auch mit so manchen molkereiinternen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Tierwohl auf, die ebenfalls dokumentiert werden müssen. Damit vergrault man sich so manchen Milcherzeuger.
Altersstruktur: Die Landwirte in Deutschland und Europa werden immer älter. In Deutschland liegt der Altersdurchschnitt bei immerhin 53 Jahren. Manch älterer Milcherzeuger fragt sich, insbesondere wenn kein Hofnachfolger da ist, ob er weitermachen soll und sich weiterhin die viele Arbeit antun und sich mit viel Bürokratie oder teuren Umweltauflagen etwa bei Siloplatten herumschlagen soll. Der eine oder andere dürfte daher die Hochpreisphase im vergangenen Jahr genutzt haben und jetzt eher geneigt sein, aus der Milcherzeugung auszusteigen.
Stimmung: Die öffentliche Diskussion über die Tierhaltung geht sicher auch an der Stimmung bei den Milchviehhaltern nicht spurlos vorbei. Wenn die Milchkühe immer wieder als Klimakiller hingestellt werden und man ständig hört, dass die Nutztierhaltung in Deutschland abgestockt und der Fleischverbrauch reduziert werden soll, motiviert das nicht gerade junge Leute, bei der Stange zu bleiben und an der Milcherzeugung festzuhalten.
Auflagen – von welcher Seite auch immer – sind Treiber des Strukturwandels. Das sollten alle wissen und die Milcherzeuger nicht verprellen.
Fakt ist aber eben auch: Deutschland ist ein guter Standort, um Milch zu produzieren. Deutschland ist ein Gunststandort. Deutschland kann Milch! Und dieses Potenzial sollte man weiterhin nutzen und durch kluge Entscheidungen den Milchsektor stärken. Denn Milch und Milchprodukte werden weiterhin weltweit gefragt sein. Die Weltbevölkerung wächst und sie muss schließlich auch ernährt werden. Dafür werden unter anderem vermehrt Milch und Milchprodukte benötigt. Und machen wir uns nichts vor: Wenn die Milch nicht in Deutschland produziert wird, dann geschieht dies anderswo. Andere Länder springen dann für Deutschland in die Bresche. Das wäre ärgerlich und so weit sollte man es nicht kommen lassen.