Die Politik ist am Zug

Dr. Elisabeth Legge

Der Druck auf die Tierhaltung ist groß. Mehr Tierwohl wird gefordert. Und dazu stehen die Tierhalter Gewehr bei Fuß. Was man allerdings von der Politik nicht behaupten kann.


Bald ist es wieder so weit: Für die Tierhalter steht „ihre“ Messe an. Vom 15. bis 18. November öffnet die EuroTier 2022, die weltweit größte Messe für die professionelle Tierhaltung, in Hannover ihre Tore. Nach insgesamt vier Jahren Pause wird damit die niedersächsische Hauptstadt wieder zum Mekka der Tierhalter. Denn normalerweise findet die Messe im zweijährigen Turnus statt. Coronabedingt musste sie jedoch 2020 ausfallen, wurde dann zunächst auf 2021 verschoben, fand dann aber doch nur digital statt. Und jetzt findet die EuroTier endlich nach 2018 wieder live und in Präsenz statt. Auch wenn die EuroTier 2022 mit 1 700 Ausstellern aus 55 Ländern etwas kleiner ausfallen wird im Vergleich zur letzten Messe – 2018 waren es über 2 500 Aussteller aus 60 Ländern – und auch einige große Hersteller, unter anderem Melktechnik-Firmen, nicht vertreten sein werden, dürfte auch die diesjährige Messe für Tierhalter wieder einen Besuch wert sein. Informieren ist angesagt, denn die Tierhaltungsbranche ist gefordert. Sie steht unter einem enormen Veränderungsdruck.


Umbau der Tierhaltung lautet hier das Stichwort. Politik und Gesellschaft fordern ganz klar mehr Tierwohl. Am Umbau der Tierhaltung geht kein Weg vorbei, ein „Weiter so wie bisher“ kann und wird es nicht geben. Darüber sind sich die Tierhalter längst im Klaren und sie sind auch zum Umbau bereit und die Firmen rund um die Tierhaltung erst recht. Das Thema mehr Tierwohl und Umbau ist längst in der Branche angekommen. Die diesjährige EuroTier beweist es. Immerhin heißt das Leitthema der Messe „Transforming Animal Farming“. In Hannover wird sich diesmal ganz viel um das Thema Tierwohl und Nachhaltigkeit drehen. Die Besucher werden viel zu sehen und zu hören bekommen, wie eine zukunftsfähige Haltung von Schweinen, Geflügel und Rindern aussehen kann. Ob tiergerechte Haltung oder Tiergesundheit – Innovationen rund um eine tiergerechtere Haltung gibt es zur Genüge, sie werden in Hannover zu sehen sein.


Also die Branche ist bereit. Sie hat gute Konzepte für den Umbau der Tierhaltung in petto. Und die Tierhalter sind ebenfalls zum Umbau bereit. Aber insbesondere in der Schweinehaltung ist die Investitionsbereitschaft gering. Im Gegenteil: Viele Schweinehalter haben inzwischen sogar das Handtuch geworfen und aufgegeben. Kein Wunder auch, denn die Politik lässt in Sachen Umbau der Tierhaltung weiterhin auf sich warten. Sie lässt sich Zeit, zu viel Zeit. Obwohl die Ampelkoalition sich zum Umbau der Tierhaltung bekennt, kommt sie sehr verhalten, ja verschlafen bei der Umsetzung daher. Mit der staatlichen Haltungskennzeichnung ist es jedenfalls nicht getan. Diese hat die Bundesregierung zwar auf den Weg gebracht, aber der große Clou ist der Politik damit nicht gelungen. Im Gegenteil: Hier muss erheblich nachgebessert werden. Und viel mehr als ein staatliches Tierwohlkennzeichen ist eine Herkunftskennzeichnung notwendig. Hier muss Konkretes zum Thema auf den Weg gebracht werden, und zwar möglichst schnell.


Vor allen Dingen muss aber der Umbau der Tierhaltung finanziert werden. Die vorgesehene „Tierwohl-Milliarde“ ist hier eigentlich nur ein erster Schritt. Es braucht mehr Geld. Kein Landwirt wird sich auf einen Umbau seiner Tierhaltung einlassen, solange die Finanzierung langfristig nicht gesichert ist. Das dürfte wohl mehr als klar sein. Die Tierhalter brauchen hier eine Absicherung beispielsweise in Form langfristiger Verträge. Sonst sieht es schlecht aus mit dem Umbau.


Natürlich muss sich die Politik auf allen Ebenen auch für den Kauf von heimischen Produkten und Fleisch einsetzen. Und auch der Handel und die Verbraucher sind hier aufgerufen, mit dem Griff zur Inlandsware die Landwirte zu unterstützen. Zugegeben, viele Verbraucher werden dies im Moment nicht gerne hören wollen. Sie greifen wegen der steigenden Inflation weniger zu hochwertigen Produkten. Die Lage auf dem Weltmarkt und der Ukrainekrieg dürften uns aber allen gezeigt haben: Die heimische Landwirtschaft ernährt die Menschen. Aber das kann die heimische Landwirtschaft nur, wenn sie zukunftsfähig ist und die Tierhaltung sich auch weiterhin für die Landwirte rechnet. Ansonsten besteht die Gefahr, dass künftig die Tierhaltung abwandert und tierische Erzeugnisse aus dem Ausland kommen, wo die Tiere unter viel niedrigeren Standards gehalten werden. Aber wollen wir das?
Die Politik hat es in der Hand. Sie muss jetzt handeln und Perspektiven für die bäuerlichen Familienbetriebe schaffen. Ein politisches Gesamtkonzept mit einer Erhöhung des Tierwohls gibt es jedenfalls schon. Die Borchert-Kommission hat es vorgelegt. Die Landwirtschaft und die Branche rund um die Tierhaltung haben bereits ihre Hausaufgaben gemacht. Der Ball liegt jetzt bei der Politik.