Die Landwirtschaft übt anscheinend eine große Faszination auf junge Menschen aus. Auch in diesem Jahr haben sich wieder viele zur Ausbildung als Landwirtin oder Landwirt entschlossen. Aber es gilt, den Berufsnachwuchs bei der Stange zu halten.
Vergangene Woche war es wieder so weit. Nach sechs Wochen Sommerferien war in Nordrhein-Westfalen Schulstart angesagt. Für manche war es der erste Schultag. So begann für rund 175 400 i-Dötzchen der Ernst des Lebens. Und auch für die landwirtschaftlichen Auszubildenden an den Berufskollegs starteten Schule und Ausbildung auf den landwirtschaftlichen Betrieben.
„Oh nein, du wirst Landwirt? Für den Beruf würde ich mich nie entscheiden.“ Wer Landwirt oder sogar Landwirtin werden will, stößt oft auf Unverständnis. Klar, Bauernkindern nimmt man diese Berufswahl ja noch ab, aber diejenigen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, treffen häufig auf Kopfschütteln. In den Augen vieler ist Landwirt ein unattraktiver Beruf. Viele assoziieren damit große körperliche Anstrengungen, viel Drecksarbeit, immer wieder Überstunden und obendrein auch noch eine schlechte Bezahlung. Dennoch haben sich auch in diesem Jahr wieder viele junge Leute für diesen Beruf entschieden. Und das nicht ohne Grund. Denn dieser Beruf hat was. Er fasziniert viele junge Menschen. Welcher Beruf bietet schon so ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, einen so vielseitigen Umgang mit Pflanzen, Tieren und der Natur, aber auch mit moderner Technik? Welche Arbeit ist eigentlich vielseitiger, abwechslungsreicher und interessanter als die des Landwirts?
In puncto Ausbildungszahlen im Beruf Landwirt steht insbesondere Nordrhein-Westfalen hervorragend da. Immerhin über 550 Auszubildende in diesem Berufsfeld gab es im vergangenen Ausbildungsjahr in unserem Bundesland und nach Einschätzung der Landwirtschaftskammer NRW dürfte diese Zahl wohl auch beim gerade begonnenen neuen Ausbildungsjahr erreicht werden. Die Zahlen der Azubis in diesem Beruf waren in den letzten zehn Jahren stabil. Eine erfreuliche Entwicklung, die längst nicht in allen Bundesländern zu sehen ist. Insbesondere in den neuen Bundesländern gibt es einen großen Nachwuchsmangel im Beruf Landwirt. Dabei haben auch junge Menschen außerhalb der Landwirtschaft längst diesen Beruf für sich entdeckt. Die Zahl der Quereinsteiger, sprich ohne Hof, liegt in Nordrhein-Westfalen bei inzwischen fast 50 %. Und auch immer mehr junge Frauen entscheiden sich für diesen Beruf. Inzwischen sind das etwa 20 %.
Aber von diesem stabilen Trend sollte man sich nicht blenden lassen. Denn auch Landwirtinnen und Landwirten muss eine interessante Ausbildung und später gute Berufsperspektiven geboten werden. Immerhin konkurriert die Agrarbranche hier mit vielen anderen Branchen, die händeringend Azubis suchen und dabei unter anderem mit der Vier-Tage-Woche werben. Junge Leute, insbesondere die Quereinsteiger, gilt es bei der Stange zu halten. Daher muss zum Beispiel von Beginn der Lehre an der Umgang mit Überstunden oder die Festlegung von freien Wochenenden klar vereinbart werden. Die Ausbildungsbetriebe sind gefordert. Sie müssen den Azubis nicht nur Fachwissen und praktische Fähigkeiten vermitteln, sondern sie auch für die Landwirtschaft begeistern.
Apropos Begeisterung: Natürlich gehören hier auch die entsprechenden Rahmenbedingungen dazu. Auf die landwirtschaftlichen Märkte gibt es wenig Einflussmöglichkeiten, aber die Politik hat es in der Hand, Rahmenbedingungen zu setzen und den Berufsnachwuchs zu motivieren, weiterzumachen. Dazu gehört auch, der Landwirtschaft nicht weiter zusätzliche Auflagen oder überbordenden Bürokratismus aufzuhalsen. Vor allem aber ist die Politik gefordert, den künftigen Hofnachfolgern Perspektiven zu bieten. Beispielsweise sollte die Hängepartie in Sachen Tierhaltung langsam einmal ein Ende haben. Nicht nur die jungen Leute in der Landwirtschaft müssen wissen, wie es hier weitergeht.
Die Arbeit in der Landwirtschaft verdient mehr Wertschätzung, und zwar nicht nur vonseiten der Politik. Sie verdient auch mehr Wertschätzung vonseiten der Gesellschaft. Mit falschen Vorurteilen gegenüber den Landwirten, wie „Massentierhalter“ oder „Umweltverschmutzer“, gilt es aufzuräumen. Da ist die gesamte Agrarbranche gefordert – nicht nur die Berufsorganisationen, sondern auch die Landwirte und ihre Familien und die jungen Leute, die in der Ausbildung sind. Der ein oder andere mag es vielleicht nicht mehr hören, aber am Image der Landwirtschaft muss weiter gefeilt werden. Öffentlichkeitsarbeit ist nach wie vor angesagt und hier darf die Landwirtschaft kein bisschen nachlassen. Die jungen Leute sollten dabei in ihrem Freundeskreis anfangen und denjenigen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen, erzählen, wie sie funktioniert. Wer mehr Wertschätzung erfährt, dem macht auch sein Beruf mehr Spaß.
Dieser Beruf hat was
Dr. Elisabeth Legge