Auch in der landwirtschaftlichen Technik läuft heute immer mehr übers Internet. Was kommt da auf die Landwirte zu, wie schützt der Landwirt seine Daten und wie ist der Fortschritt einzuschätzen? Dazu befragte die LZ Rheinland Michael Lenz, Geschäftsführer der DBV-Service GmbH.
LZ | Rheinland: Herr Lenz, viele fordern schnelles Internet auf dem Land. Brauchen wir tatsächlich immer noch schnelleres Internet und wenn ja, wozu?
M. Lenz: Wir brauchen in erster Linie ein Internet mit vielen kleinen Funkzellen, um kurze Antwortzeiten für die Kommunikation von Maschinen untereinander zu erreichen. Viele denken, dass Bandbreite das A und O ist. Aber Smart- und Precisionfarming funktionieren nur dann, wenn neben ausreichender Bandbreite für den Informationsinhalt die Informationen selbst in nahezu Echtzeit ausgetauscht werden können. Ein dynamisches Netz, wie 5G, leistet das. So kann zukünftig der Maishäcksler dem Ladewagen sagen, wann er wo auf dem Acker zu erscheinen hat. Und wenn es nach dem Wunsch der Entwickler geht, macht der Ladewagen das dann auch noch ohne Fahrer. In einem weiteren Schritt fährt dann der Häcksler auch noch autonom – und der Ladewagen kündigt seinen autonom fahrenden Maschinenkollegen an, dass er gleich zum Abladen kommt und man sich bitte zum Festwalzen bereithält.
LZ | Rheinland: Das Navi weist uns den Weg, der Computer sagt uns, wann die Kuh krank ist oder wir aufs Feld müssen. Wird der Mensch noch gebraucht bei der ganzen Technik?
M. Lenz: Ganz eindeutig: Ja! Nur werden sich die Berufsbilder mit Fortschreiten der digitalen Transformation der Gesellschaft immer weiter spezialisieren. Der Mensch benötigt immer mehr Fach- und Programmierkenntnisse, muss sich immer höher qualifizieren. Es werden weiter Berufsbilder verschwinden, dafür aber neue geschaffen werden. Ob ein Mensch, der seinen gesamten Betrieb von der Technik steuern oder verwalten lässt, in Zukunft auch noch Bauer oder Landwirt genannt wird, glaube ich nicht. Vielleicht nennt sich das Berufsbild dann: Agrikulturinformatiker mit Fachbereich ländlicher Organisationsprogrammierung.
LZ | Rheinland: Gut, wenn Roboter lackieren anstatt Menschen. Aber auch beim Navi braucht man Augen im Kopf, um zu sehen, ob man angekommen ist.
M. Lenz: Maschinen helfen uns ja bei schweren und gesundheitsschädigenden Arbeiten schon sehr lange. Es sollte aber nicht so weit kommen, dass man den Kopf gar nicht mehr benutzt! Jemand mit gesundem Menschenverstand wird dem Navigationssystem im Auto nicht bis ins Hafenbecken folgen. Ich kenne aber schon einige technikgläubige Menschen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie dem Navi nicht doch mehr vertrauen. Bedingungslose Technikgläubigkeit ist nur ein Übel des 21. Jahrhunderts.
LZ | Rheinland: Wie kann der Berufsstand seine Infos noch an den Mann bringen trotz der Info-Blasen?
M. Lenz: Man sollte sich bei allen virtuellen Auswüchsen des Internets immer darüber im Klaren sein: Die Realität ist und bleibt da, wo der Pizzamann herkommt! Mittlerweile wissen ja die Kommunikationsexperten und Wirtschaftspsychologen, dass die Info-Blasen ja wieder nur ein kleiner Teil größerer Info-Blasen sind, die wiederum selbst Info-Blasen in noch größeren Info-Blasen bilden.
Nicht dass man mich jetzt falsch versteht: Ich halte es für exorbitant wichtig, dass sich die Agrarindustrie mit Vereinen und Verbänden an einen Tisch setzt und man sich gemeinsam überlegt, was man gegen das politisch ganz bewusst erzeugte schlechte Image der Landwirtschaft tun kann. Wer heute noch sagt, dass man die Meinungsmache auf Instagram, Twitter und Facebook (die drei Blasenbildner schlechthin) ignorieren kann, der ist aus welchen Gründen auch immer beim Jahrtausendwechsel nicht dabei gewesen. Aber Social-Media und Co. sind nicht alles. Der Bauer gehört fest zum Dorf, zu den Sport-Vereinen, zur freiwilligen Feuerwehr, zum Schützenverein und zur Dorfkapelle. Er ist ein wichtiger Teil des Gemeindelebens und kann zur Not auch schnell mal Wasser aus dem Keller pumpen. Auch bei dem, der vorher gesagt hat, dass das Güllefass mieft. Die Landwirtschaft inklusive vor- und nachgelagertem Bereich muss aus meiner Sicht lernen, alle diese guten Dinge in den Vordergrund zu stellen. Und im Internet auch verbreiten.
LZ | Rheinland: Wie kann der Landwirt seine Daten schützen?
M. Lenz: Datenschutz und Datensicherheit betreffen ja nicht nur den Landwirt, sondern alle Bürger der EU gleichermaßen. Als Unternehmer und Geschäftsmann hat der Landwirt gemäß der DSGVO Sorge zu tragen, dass seine (personenbezogenen) Daten nicht in die Hände von Dritten gelangen und für fiskalische Zwecke im Rahmen der Aufbewahrungspflicht verfügbar sind. Das heißt: zumindest eine Software-Firewall auf dem Rechner, eine aktuelle Virenschutzsoftware, eine verständliche Dateiablage, eine funktionierende Datensicherung. Und natürlich nicht die E-Mail von der heißen gaby21@ewewzyscha.ru öffnen. Datensicherheit hat viel mit gesundem Menschenverstand zu tun.
LZ | Rheinland: Wie schätzen Sie den digitalen-Fortschritt ein – Fluch oder Segen?
M. Lenz: Ganz klar beides! Uns steht fast das gesamte Wissen der Welt zur Verfügung. Aber anstelle einer virtuellen Reise durch den Louvre, oder des Erlernens einer Fremdsprache durch die Internet-Technologie, schaut der Deutsche lieber Pornos und Fernsehen im Internet. Dafür kann man jetzt von der Charité in Berlin aus in Echtzeit Augenoperationen in Amerika machen – oder Alexa beauftragen, bei Amazon Sprudel zu bestellen.
Und da ist der Mähdrescher, der GPS-gesteuert in Afrika die Arbeit von 500 Landarbeitern erledigt, die nun nicht nur ihr Ansehen im Dorf, sondern auch noch ihr Einkommen verloren haben. Die Cyberkriminalität steigt rasant an: Identitätsdiebstähle sind an der Tagesordnung. Es werden digitale Profile von uns erstellt. Aber hey, habe ich Ihnen schon meine lustigen Katzenfotos auf dem iPad gezeigt? Wenn Sie Internet haben, kann ich sie mir hier aus der Cloud laden und dann können wir sie uns offline im Garten ansehen. ah