Die Verbraucherpreise steigen weiter. In Polen empfehlen Regierungsberater bereits, die landwirtschaftliche Produktion anzukurbeln und zu steigern. In Deutschland stoßen dagegen selbst Forderungen auf taube Ohren, mit denen wenigstens das bisherige Niveau gehalten werden könnte.
Eigentlich kann man es nicht oft genug sagen, trotzdem scheint es noch nicht überall anzukommen. Auch nicht in der Wilhelmstraße 54, 10117 Berlin. Dort befindet sich nämlich der Dienstsitz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in der Bundeshauptstadt und dort sollte man es eigentlich besser wissen. Eigentlich, denn entweder ist der Zusammenhang noch nicht bis dorthin vorgedrungen oder er wird dort nicht wirklich verstanden oder er wird einfach ignoriert.
Daher muss an dieser Stelle noch einmal unmissverständlich klargestellt werden, warum Bäuerinnen und Bauern im ganzen Land gerade fordern, die verpflichtende Stilllegung auszusetzen, die ab 2023 im Rahmen der neuen Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) umzusetzen ist. Zum einen fordern sie das nicht auf immer und ewig. Sie stehen vielmehr für eine vorübergehende Aussetzung, solange die globale Versorgungslage mit Lebensmitteln wegen des Kriegs gegen die Ukraine angespannt bleibt. Zum anderen fordern sie die Aussetzung schließlich nicht, um mehr produzieren und so einen Reibach machen zu können. Davon geht allerdings scheinbar derzeit so mancher Medienvertreter angesichts stetig steigender Ladenpreise für Lebensmittel aus. So resümierte kürzlich ein Journalistenkollege in einer digitalen Pressekonferenz, dass die Betriebe aufgrund der augenblicklichen Preisanstiege „doch richtig Geld verdienen“ müssten. Auch dieser Kollege könnte es besser wissen, wenn er sich den Fakten zuwendet.
Da sind zum einen die, die sich auf die Versorgungslage beziehen:
1. Der Internationale Getreiderat (IGC) hat gerade seine Prognose für die weltweite Getreideernte 2022/23 um 24 Mio. t nach unten korrigiert. Die fällt der Schätzung zufolge in diesem Jahr um 40 Mio. t niedriger aus als im Vorjahr.
2. Werden im Rahmen der GAP in Deutschland im kommenden Jahr GLÖZ 7 und GLÖZ 8 umgesetzt, werden insgesamt 5,5 Mio. t Getreide fehlen. Das Fruchtwechselgebot (GLÖZ 7) schränkt nach Kalkulation des Deutschen Bauernverbandes (DBV) um 4 Mio. t Weizen ein, GLÖZ 8 um 1,5 Mio. t. Auf die Maßnahmen zu verzichten, bedeutet also keine Mehrproduktion, sondern lediglich das Halten des bisherigen Niveaus.
Sicher würde das längst nicht ausreichen, um den Hunger der Menschen in den Ländern zu stillen, die bisher auf Importe aus der Ukraine angewiesen waren. 5,5 Mio. t entsprächen allerdings mehr als einem Fünftel der in Friedenszeiten von der Ukraine auf dem Weltmarkt angebotenen Menge. Für die EU sind GLÖZ 7 und 8 (siehe Interview auf S. 16/17) daher durchaus mögliche Instrumente, um Kapazitäten auszuschöpfen. Mit seinem Beharren, an der 4%igen Stilllegung festzuhalten, stehen Deutschlands Agrarminister Cem Özdemir und sein Beraterstab EU-weit nach wie vor ziemlich allein da. Andere, wie zum Beispiel Polen, erwägen dagegen sogar, die Produktion anzukurbeln. Inwieweit das gelingen kann, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Die Subventionierung von Düngerkäufen, die Polens Regierung beschlossen und die mittlerweile auch den Segen der EU-Kommission bekommen hat, sorgt schließlich nicht automatisch für ein größeres Düngerangebot. Eher dürfte die Finanzspritze die Preise noch weiter nach oben treiben.
Damit kämen wir zum zweiten Teil der Fakten rund um „richtig Geld verdienen“. Die Betriebe spüren durchaus, dass mit den anziehenden Preisen im Lebensmittelhandel die Abnehmer von Agrarprodukten bereit sind, mehr zu zahlen. Dass die Zahlungsbereitschaft allerdings die anziehenden Kosten auffangen würde, davon können die meisten Betriebe nur träumen. Gerade die Tierhalter bekommen das zu spüren. Deren Erlöse ziehen nicht im Mindesten so nach, wie die Vorkosten ansteigen, neben Energie vor allem Futtermittel. Vom Preisanstieg haben Ackerbauern nichts, die kein Getreide mehr im Lager haben, trotzdem nach aktuellen Preisen Treibstoffe, Dünger oder Pflanzenschutzmittel zu bezahlen haben, und auch die nicht, die frühzeitig mit Kontrakten für die kommende Ernte ihr Risiko zu niedrigeren Preisen abgesichert haben. Gedankenspiele, dass jetzt eine gute Gelegenheit wäre, wegen gestiegener Preise die Produktion drosseln zu können, sind daher nicht nur dumm, sie sind einfach dämlich.