Ein Anfang

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Jünger und weiblicher soll der Verband werden. Diese Parole hat der Deutsche Bauernverband vor nunmehr knapp eineinhalb Jahren ausgegeben. Jetzt sollen formale Regelungen folgen, um dem Anspruch Leben einzuhauchen.

In der Vorstandschaft deutscher DAX-Konzerne finden sich 12,8 % Frauen; immerhin 21 % sind es in Deutschlands ehrenamtlicher Verbandsführung. Das besagen jedenfalls Zahlen des Deutschen Instituts für Vereine und Verbände, das die Entwicklung hin zu mehr Frauen in Führungspositionen allerdings als zäh bezeichnet. Würde man die weibliche Zuwachsrate seit 1996 zugrunde legen, würde es nach Berechnungen des Instituts bis zum Jahr 2622 dauern, bis eine quantitive Gleichstellung erreicht wäre. Ob es auch in den Gremien der landwirtschaftlichen Berufsvertretungen Jahrhunderte dauern würde, bis diese jeweils hälftig mit Frauen und Männern besetzt sind, lässt sich schwer sagen. Denn offiziell gezählt hat bislang niemand, wie die Besetzungsquote auf allen Ebenen von den Ortsverbänden bis hinauf in die Führungsetagen ausfällt. Für Letztere kann man allerdings auch ohne umfassende statistische Erhebung feststellen: Frauen sind eindeutig in der Minderzahl.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat im Jahr 2020 die Parole ausgegeben, dass der Verband jünger und weiblicher werden soll. Hinter den Kulissen wurde seither viel diskutiert. Nach außen sichtbar hat sich seither allerdings wenig bis nichts getan. Das soll sich nun ändern. Mit Beschlussvorlage für den nächsten Bauerntag in Lübeck im Frühsommer nächsten Jahres soll der Vorstand des DBV – sozusagen der oberste Führungszirkel – weibliche Verstärkung erhalten. Bisher rekrutiert sich die Vorstandschaft des DBV aus den Reihen der Präsidenten der Landesverbände. Über diese Schiene kann der DBV allerdings nicht gewährleisten, dass Frauen nach oben kommen. Schließlich ist die Wahl der Landesspitzen Sache der eigenständigen Landesverbände. Daher will und muss der DBV einen anderen Weg beschreiten. Er will dafür einen Ausschuss für landwirtschaftliche Unternehmerinnen einrichten. Dessen Vorsitzende soll dann mit Sitz und Stimme in den DBV-Vorstand berufen werden. Das ist ein erster Schritt und ein starkes und wichtiges Zeichen. Denn zum einen braucht es Vorbilder, die andere – weibliche ebenso wie junge Menschen im Berufsstand – motivieren, sich zu engagieren. Zum anderen muss an diesen Vorbildern auch sichtbar werden, dass diese etwas bewegen und gestalten können, oder um es deutlicher zu sagen: dass die auch etwas zu melden haben. Feigenblattposten, die nur einen Namen haben, aber keine Einflussmöglichkeiten, taugen nicht.

Bisher haben sich die meisten Landesbauernverbände und der Bundesverband nicht leichtgetan mit Frauen in verantwortungsvollen Positionen. Vizepräsidentinnen oder Frauen in den Vorständen finden sich lediglich in den Verbänden der neuen Bundesländer. Das hat historische Gründe und hängt auch mit der stärkeren Einbindung von Frauen in Führungsaufgaben in den Agrarbetrieben der früheren DDR zusammen. Das hat ein anderes berufliches Selbstverständnis und Selbstbewusstsein bedingt als im Rest der Republik. Frauen an der Spitze der Betriebe sind eben im Westen noch eine Ausnahme. Doch das ändert sich zusehends mit der Einsicht, dass landwirtschaftliche Betriebe vor allem mit Köpfchen und nicht mit Muskeln geführt werden müssen. Ein Zeichen dafür ist, dass immer mehr Töchter die Hofnachfolge antreten, auch im Rheinland. Das Vertrauen und die Akzeptanz, die sie dabei von ihren Eltern erfahren, müssen sie auch erfahren, wenn sie sich für den Berufsstand, die Kolleginnen und Kollegen einsetzen sollen.

Das dient nicht nur dazu, Frauen einen höheren Stellenwert in den Interessenvertretungen einzuräumen; das ist genauso wichtig für die Überlebensfähigkeit dieser Organisationen. Denn generell lässt sich in Verbänden eine Tendenz erkennen, dass Mitglieder, egal welchen Geschlechts, immer seltener bereit sind, sich längerfristig für eine Sache einzusetzen. Doch der lange Atem ist Voraussetzung, die Interessen ihrer Mitgliederschaft in politischen und gesellschaftlichen Belangen durchzusetzen und so Nutzen für sie zu stiften. Mehr Frauen in den Gremien sind also nicht bloß ein Selbstzweck und nicht nur wichtig, weil über Frauenquoten diskutiert wird; sie sind grundsätzlich unverzichtbar für den Fortbestand der Bauernverbände. Die erleben schon auf der Ortsebene, dass es immer schwieriger wird, jemanden für die Arbeit an der Basis zu motivieren. Von der Basis an die Spitze ist es allerdings noch ein langer Weg. Den ersten Schritt will der DBV nun machen, aber weitere müssen folgen.