Wie viel darf es denn sein? Beim angestrebten Anteil des biologischen Landbaus überbieten sich Land, EU und Bund gegenseitig. 20 % will NRW, 25 % die EU und die Bundesregierung sogar 30 % bis 2030. Zwischen Wollen und Wirklichkeit klafft aber eine große Lücke.
Die Bundesregierung hat den ökologischen Landbau zu ihrem Leitbild erklärt. Schaut man auf Nordrhein-Westfalen und speziell das Rheinland, muss man feststellen, dass das bislang keine großen Spuren hinterlassen hat. Aber das liegt nicht nur daran, dass der Regierungswechsel in Berlin erst ein paar Wochen zurückliegt. Allerdings hatte es auch die langjährige grüne Führung des Fachministeriums in Düsseldorf schon nicht geschafft, NRW in Sachen Öko-Landbau auf eine Spitzenposition zu hieven. Im Gegenteil: Zusammen mit Niedersachsen hat das Land im Bundesvergleich die rote Laterne, was den Anteil der Betriebe und der ökologisch bewirtschafteten Fläche angeht. Am politischen Willen liegt es also nicht. Denn das seit einigen Jahren von der Union geführte Haus hat mit 20 % Öko-Landbau bis 2030 ebenfalls ambitionierte Ziele, wenn sie auch nicht so hochgesteckt sind wie die der EU (25 %) oder des Bundes (30 %).
Es liegt vor allem an zwei Stellschrauben, die sich nur mit massivstem Einsatz drehen lassen: den betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der persönlichen Überzeugung. Zwar hat das Interesse an einer Umstellung auf ökologische Wirtschaftsweise in den vergangenen Jahren zugenommen. Das bestätigt auch das aktuelle Stimmungsbarometer des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Immer öfter hört man zudem, was an dieser Stelle bereits zu lesen war: dass manche Betriebsleiterinnen oder Betriebsleiter sich einfach erhoffen, mehr Akzeptanz von der Bevölkerung zu erfahren, wenn sie auf den Öko-Zug umsteigen. Das aus Überzeugung anzugehen, hilft sicher dabei, Hürden leichter zu verkraften, die eine Umstellung mit sich bringt. Überzeugung hilft aber wenig, wenn es am Ende im Portemonnaie nicht stimmt.
Auswertungen zufolge schneiden Öko-Betriebe beim Einkommen seit mehreren Jahre in Folge besser ab als vergleichbare konventionelle Betriebe. Knapp 7 000 € je Arbeitskraft und Jahr machte der Unterschied im Wirtschaftsjahr 2020/21 aus. Allerdings im bundesdeutschen Durchschnitt. Und da liegt die wohl gewichtigste Ursache, warum man ökologisch wirtschaftende Betriebe im Rheinland fast mit den Händen abzählen kann: Je intensiver gewirtschaftet wird und je besser die natürlichen Voraussetzungen sind, desto geringer wird der Einkommensabstand nämlich und desto höher wird das wirtschaftliche Risiko einer Umstellung. Neu ist die Erkenntnis nicht. Sie lässt sich an historischen Entwicklungen ablesen und sie ist an den aktuellen Verhältnissen wieder zu erkennen. Als um die Jahrtausendwende der Bio-Boom im Schlepptau der BSE-Krise Fahrt aufgenommen hat, galt Österreich als das Musterland des Bio-Anbaus schlechthin. Nach dem Grund musste man nicht lange suchen: Von der Bewirtschaftung extensiven Grünlands, wie es in der Alpenrepublik häufig anzutreffen ist, war es eben kein allzugroßer Schritt.
Nicht anders sieht es heute in NRW aus. Bio-Landwirtschaft hat besonders dort eine größere Verbreitung, wo die natürlichen Voraussetzungen nicht so gut sind wie auf den Gunststandorten. So reicht bei landesweit durchschnittlich 6,5 % Öko-Fläche die Spannweite von 1,1 % im Kreis Krefeld oder 1,2 % im Kreis Heinsberg bis 33,6 % im Kreis Siegen-Wittgenstein. Spitzenreiter im Rheinland ist mit 16,7 % der Oberbergische Kreis. Andererseits haben NRW und der rheinische Landesteil aber ein Pfund, mit dem sich wuchern ließe. In kaum einem anderen Bundesland sind in Verarbeitung, Import, Futtermittelwirtschaft und Handel so viele registrierte Öko-Betriebe ansässig wie hier. Das rührt vor allem aus der Nähe zu den Verbrauchern in den Ballungsräumen an Rhein und Ruhr.
Für den einzelnen Betrieb wird das kaum den Ausschlag geben umzustellen. Von einer Umstellungswelle ist hier jedenfalls aktuell wenig zu spüren – trotz eines ansehnlichen Straußes an Fördermaßnahmen, den das Düsseldorfer Ministerium bereithält, und obwohl das Bundeslandwirtschaftsministerium auf den letzten Drücker noch Zugeständnisse in den nationalen GAP-Strategieplan gepresst hat. Denn die EU hat mit der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) die Zuwendungen für Öko-Betriebe rasiert. So kann man es jedenfalls interpretieren, dass auch diese der sogenannten Konditionalität und den damit verbundenen Umweltleistungen unterliegen, wie etwa der vorgesehenen Stilllegung von 4 % der Fläche. Die Attraktivität von Öko für rheinische Ackerbaubetriebe wird das sicher nicht steigern.