Warum kurze Begegnungen im Alltag wichtiger sind, als wir denken
Wir reden viel über Familie, Freundschaften und Partnerschaften. Doch dazwischen gibt es eine andere Art von Beziehung: die kurzen Begegnungen im Alltag. Ein Gruß im Bus, ein paar Worte beim Bäcker, ein Lächeln auf dem Spaziergang. Flüchtige Kontakte, die kaum Zeit kosten und dennoch viel für unser Wohlbefinden bewirken können.
Flüchtige Begegnungen im Alltag
Frau T. ist 86 Jahre alt. Vor drei Jahren ist sie zu ihrer Nichte aufs Dorf gezogen, in einen kleinen Anbau am alten Bauernhaus. Zuvor hatte sie hier nie gewohnt. Sie ist alleinstehend, hat viele Jahre in der Stadt verbracht, keine Kinder. Viele ihrer Freundinnen hat sie im Laufe der Zeit verloren – durch Tod, durch Umzüge, durch das Leben eben. Einsam fühlt sie sich trotzdem nicht. Denn sie versteht es, Begegnungen im Alltag für sich zu nutzen.
Wöchentlich fährt sie mit dem Überlandbus in die Stadt und sitzt vorne, wo sie sich mit dem Fahrer unterhält. Beim neuen Bäcker weiß man inzwischen, welches Brot sie möchte. Mit ihrem Hund ist sie täglich zwischen den Feldern unterwegs und trifft Menschen, von denen sie oft nur kleine Details kennt: die beiden Joggerinnen vom Mittwoch oder jeden Tag den Mann mit dem Husky. Santos heißt er. Der Hund. Wie der Mann heißt, weiß sie nicht. Ein paar Worte wechseln sie trotzdem jedes Mal.
Sigrid Tinz
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