Ein zweiter Wolf am Niederrhein

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Jetzt ist wohl passiert, was viele Bürger und vor allem die Tierhalter am Niederrhein bereits befürchtet haben. Die seit anderthalb Jahren im Gebiet um Schermbeck heimische Wölfin hat offensichtlich einen Gefährten gefunden. Und damit wächst die Sorge, dass im Wolfsgebiet Schermbeck das erste Wolfsrudel in Nordrhein-Westfalen entstehen könnte. Belegt werden diese Befürchtungen durch ein Video, das Anwohner am Karsamstag auf einer waldnahen Wiese in Hünxe aufgenommen haben (siehe LZ 16-2020, S. 9). Darauf ist zu sehen, wie zwei Wölfe einen einzelnen Rothirsch attackieren. Der Hirsch wehrt sich, allerdings lassen die Wölfe erst von ihm ab, als die Anwohner sie durch lautes Rufen vertreiben und der offensichtlich verletzte Hirsch entkommen kann. 

Das Landesumweltamt (LANUV) hat in der vergangenen Woche bestätigt, dass es sich bei dem einen Wolf um die unter der Kennung GW 954f dort ansässige Fähe handelt, die neben der offiziellen Kennung den ihr vom Landrat des Kreises Wesel gegebenen Namen Gloria trägt. Ob es sich, so das LANUV, bei den beiden Wölfen jedoch um ein dauerhaftes Paar handele, das würde das Monitoring der nächsten Wochen ergeben. Sollte das zutreffen, spitzt sich die Situation weiter erheblich zu. Denn wenn es Nachwuchs gibt, dann müssen die Elterntiere viel Futter heranschaffen und es ist mit noch mehr Tierrissen als bisher zu rechnen. Längst sind es nicht mehr allein die Schaf- und Damtierhalter, die sich um ihre Tiere auf den Koppeln sorgen. Auch Mutterkuhhalter und Pferdezüchter fürchten um ihre Kälber und Fohlen auf den Weiden.

Die Tierhalter mussten die Erfahrung machen, dass Wölfin Gloria auch als wolfssicher eingestufte Zäune überwindet und ihre Beute unter den Nutztieren macht. Im Februar und März wurden Damtiere gerissen, die in einem mit einem 2 m hohen Zaun gesicherten Gehege standen. Eigentlich hätte die Wölfin aus diesem Grund als Problemwolf eingestuft und getötet werden sollen, aber Landrat und LANUV lehnten den Antrag auf letale Entnahme ab. Sollten in Kürze Welpen geboren werden, wäre ein gezielter Abschuss der Wölfin aus Tierschutzgründen nicht mehr vertretbar. Dazu käme die Sorge, dass das Muttertier seine speziellen Fähigkeiten zum Überwinden der Schutzzäune an ihre Jungen weitergibt.

Die Stimmung im Wolfsgebiet ist gereizt und die Bürger wollen Antworten von der zuständigen Ministerin Ursula Heinen-Esser. Das BürgerForum der Schermbecker Ortschaft Gahlen hat sich jetzt mit einem offenen Brief an die Ministerin gewandt und äußert da­rin deutliche Kritik am Wolfsmanagementplan des Landes sowie an der Arbeit des LANUV zum Wolfsmonitoring. Ebenfalls an die Ministerin gewendet hat sich Ingo Hülser, der sich als Deichgräf des Deichverbandes Mehrum um die Existenz seines Deichschäfers sorgt und in Folge die Unterhaltung und Pflege seines Deichabschnittes gefährdet sieht. Während die Weidetierhalter sich zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen und sich in Sachen Wolf kurzschließen wollen, äußern sich die Vertreter des Naturschutzbundes so zum Wolfsrudel: Ein zweiter Wolf müsse nichts Schlechtes sein, denn Wölfe in Rudeln würden sich eher zutrauen, Wild anzugreifen und dafür weniger Weidetiere reißen. Das kann man glauben, muss es aber nicht. cnb